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Vor knapp 10 Jahren kannte ihn nur ein kleiner Kreis, aber mittlerweile ist er eigentlich jedem ein Begriff, der sich mehr oder weniger mit Aktivitäten in der Spielemusikszene auseinandersetzt. Der Finne Jonne Valtonen hat sich in den vergangenen Jahren einen ausgezeichneten Ruf als Arrangeur von Spielemusik gemacht und schaffte es zusammen mit Thomas Böcker und Mit-Arrangeur Roger Wanamo jedes Jahr aufs Neue Tausende mit ihren Konzerten zu begeistern. Im nachfolgenden Interview erzählt er ein „wenig“ über seine Arbeit und gibt auch einen kleinen Blick in die Zukunft.

VGM Lounge: Hallo Jonne, danke, dass du dir ein wenig Zeit für uns nimmst. Viele Leser werden dich vermutlich schon kennen, dennoch stelle dich doch bitte kurz vor.
Jonne Valtonen: Ich bin ein finnischer Komponist, wohne in Tampere und bin im Moment hauptsächlich für meine Arbeiten in Bezug auf orchestrale Spielemusik bekannt.

Dein musikalischer Ursprung ist eigentlich die Demoszene, wo du unter dem Namen „Purple Motion“ veröffentlicht hast. Heute hören wir dich als Arrangeur und Komponist für klassische Orchester. Wie holprig war dieser Übergang zwischen diesen beiden Welten?
Die Unterschiede zwischen elektronischer und orchestraler Musik sind gar nicht mal so groß. Idealerweise sind die Parameter (Rhythmus, Timbre, Farbe, Tonlage, Harmonie, usw.) immer gleich, egal, welches Medium benutzt wird. Der Unterschied liegt darin, dass die Umsetzung einer Idee beim Orchester viel größer sind. Es gibt so viele Faktoren beim Schreiben für ganze Orchester und relativ oft (vor allem bei den experimentellen Schritten) musst du dich auf deine Vorstellung und deinem „inneren Ohr“ verlassen. Bei elektronischer Musik hörst du immer in Echtzeit, was du gerade machst. Bei einem orchestralen Aufbau hörst du die von dir geschriebenen Noten nur ein paar Mal und das ist in den Proben vor dem Konzert und meistens bleibt dir keine Zeit gröbere Dinge, die nicht funktionieren, zu ändern. Bei den Aufnahmen hat es einfach sofort zu funktionieren!

Im Grunde genommen ist ein Orchester wie ein großer Sequencer mit festen Instrumenten und jedes Instrument hat seine eigenen Eigenheiten und „Fehler“ mit denen du zurecht kommen musst. All diese Instrumente und Kombinationen aus ihnen musst du lernen; welche wählst du aus und wie positionierst du alle, um das Beste herauszuholen. Irgendjemand sagte einmal, ein Orchester ist wie ein großer Fehler und das ist das Schöne daran! Wie gesagt, du kannst nur ein paar Mal auf den „Spielen“-Knopf des wunderbaren Fehlers drücken. Stell dir vor, du schreibst elektronische Musik ohne jegliche Form des Abspielens und wenn du fertig bist, kannst du höchstens dreimal auf „Play“ drücken und nur kleine Änderungen vornehmen!
Die größte Sache ist natürlich, dass beim Orchester richtige Menschen deine Noten spielen. Du musst wissen, wie du Dinge markierst und so schreibst, dass du die Emotion und den Effekt bekommst, den du willst. Aber JUNGE, wenn das klappt, gibt es nichts schöneres auf der Welt!

© intuitive fotografie köln // Philippe Ramakers

© intuitive fotografie köln // Philippe Ramakers

Wie hat man sich das Komponieren für ein Orchester vorzustellen? Man kann ja schlecht ein Orchester zusammentrommeln, um zu testen, ob die Idee gut klingt und funktioniert. Wie sehr hilft der Computer dabei?
Trial and Error. Und lerne von den funktionierenden Soundtracks und Notenblättern der alten und neuen Meister. Ich mache das ständig. Ich besuche auch etliche Konzerte und halte meine Ohren offen, wie sie es gemacht und ausbalanciert haben. Danach hole ich mir in der Regel die Soundtracks (oder vor dem Konzert) und untersuche sie.
Computer benutze ich, um die Timings verschiedener Abschnitte in der Musik zu überprüfen (dabei benutze ich immer noch Sibelius 6, aber werde das ändern nachdem AVID das gesamte Sibelius-Team rausgeschmissen hat -> welche von Steinberg eingestellt worden sind -> werde ihr Programm zur Notenbearbeitung zukünftig nutzen). Das ist der schwerste Teil für mich. Wie lange unterschiedliche Abschnitte dauern und was wo eingebracht wird. Das ist vor allem bei den längeren Arrangements wichtig, die ich gemacht habe. Ich habe immer noch das allgemeine grottenschlechte MIDI-Soundset in Sibelius, um mich zu erinnern, dass DAS NICHT DIE AUSGEWOGENHEIT IST, DIE SICH GEHÖRT! Deswegen tendiere ich dazu mit meiner Vorstellungskraft zu hören anstatt dem aktuellen Playback…

Du arbeitest nun schon mehrere Jahre erfolgreich mit Thomas Böcker zusammen. Wie habt ihr euch kennengelernt und wie seid ihr darauf gekommen zusammen zu arbeiten?
Thomas schrieb mich irgendwann im Jahre 2000 an und fragte mich, ob ich etwas Musik zu seiner CD „Merregnon“ beisteuern möchte. Ihm gefiel meine Arbeit und er fragte mich später, ob ich nicht Arrangements zu Morrowind und Zelda für die Tour von „PLAY! A Video Game Symphony“ schreiben möchte, die er zu der Zeit produziert (so etwa 2004). So bekam ich immer mehr Auftritte und wurde immer mehr einbezogen… Wir wurden auch sehr gute Freunde und offen gesagt konnte ich mir nicht vorstellen all das mit jemand anderem zu machen. Er ist auch immer darauf aus die höchstmögliche Qualität zu erreichen, koste es, was es wolle. Das inspiriert mich sehr und motiviert mich ebenfalls das Beste zu geben! Wir alle zusammen (mein Kollege Roger Wanamo eingeschlossen) sind höchstmotiviert und treiben uns jedes Mal gegenseitig an, damit alles so gut wie möglich ist. Ein Freund von mir sagte mal: „Wenn sich etwas lohnt zu tun, dann lohnt es sich damit zu übertreiben“, und ich denke, das ist etwas, wofür wir alle leben.

Bislang kamen nur wenige Menschen in den Genuss Melodien aus Final Fantasy oder Zelda zu bearbeiten. Bestimmte Motive sind von den Fans heißgeliebt und es ist nicht auszumalen, was geschieht, wenn ein Arrangement zu „One-Winged Angel“ in die Hose geht. Hast du dir schon mal darüber Gedanken gemacht oder gemerkt, dass du dich selbst unter Druck setzt?
Ich arrangiere immer so, wie ich selbst die Musik gerne hören wollen würde. Wenn du zu besorgt darüber bist, was die Leute darüber denken (wenn du eine tolle Idee hast, wie du etwas umsetzen kannst), dann wird deine Musik recht zahnlos und uninteressant werden meiner Meinung nach. Ich mache eine MENGE an Hintergrundrecherche und schaue mir die Stile der Komponisten an, usw., so dass ich ein Gefühl von dem Original bekomme. Thomas hat immer dafür gesorgt, dass ich von den jeweiligen Komponisten freie Hand bekomme und dafür bin ich extrem dankbar! Aber ich mache mich nicht verrückt dabei, was die Leute denken. Ich versuche nur das Beste aus der Musik rauszuholen soweit ich dazu in der Lage bin!

In den Symphonic-Konzerten wurde viel experimentiert. Zu Symphonic Fantasies habt ihr alle Lieder in Sinfonien präsentiert, bei Symphonic Odysseys habt ihr das Orchester hinsetzen lassen und den Chor bei Chrono Trigger die Arbeit machen lassen. Und das sind nur zwei Beispiele. Gibt es da noch Dinge, die du gerne noch ausprobieren würdest?
Eigentlich denke ich nie zuerst „Jetzt probiere ich dieses verrückte Experiment aus“. Für gewöhnlich liegt es an der Musik selbst, wie sie sein soll. Bei Secret of Mana beispielsweise geht es um den Missbrauch der Natur, so dass ich nach einiger Zeit anfing Wind, Donner und andere Geräusche, die man mit der Natur verbindet, zu hören. Dann entschied ich mich, dass diese Geräusche das sein würden, woüber dieses Arrangement geht. Die Natur ist der Klebstoff, wie im Spiel. Bei Symphonie Fantasies sind die Stücke eigentlich Tondichtungen. Dafür wollten wir den Zuhörer in die Spiele selbst werfen, indem wir die Geschichte der Spiele durch die Musik alleine erzählen. Mit Fantasies wollten wir, dass jedes Stück eine Geschichte hat und mit längeren Arrangements kannst du viel besser in die Welt jedes Stücks versinken. Für mich ist das ein wenig so, wie ein Buch zu lesen. Ob du eine Kurzgeschichte oder einen längeren Roman hast. Bei längeren Romanen kannst du mehr in der Welt versinken. Aber ich liebe Kurzgeschichten und ich liebe lange Romane. Vielleicht zeigt sich eines Tages, dass ein Stück (oder ein Spiel) etwas ganz anderes ist!

© intuitive fotografie köln // Philippe Ramakers

© intuitive fotografie köln // Philippe Ramakers

Deine Sinfonien gelten mitunter als sehr anspruchsvoll. Da kann es schon mal passieren, dass du mehrere Motive übereinander legst, Motive anschneidest, nur um das doch was ganz anderes zu spielen. Viele Fans mögen diese Spielerei, andere sind kritisch und verbleiben lieber bei Konzerten wie Distant Worlds. Wie denkst du darüber?
Nun, wie bereits gesagt, das ist, wie ich die Musik gerne hören möchte. Ich und unser Team haben immer einen Grund, warum wir Dinge so machen, wie wir sie machen. Und der Grund lautet, dass wir versuchen eine Geschichte zu erzählen. Die Melodien sind wie Schauspieler in einem Film oder in einem Theaterstück und bewegen sich. Plötzlich hören sie auf (ist etwas schreckliches oder lustiges passiert?) und manchmal singen sie im Duett (Liebesszene? Kampfszene?). Und so weiter… Von dem Tag an, an dem wir wussten, dass dies kontrovers aufgenommen wird, haben wir nach und nach getestet wie weit wir gehen können. Heutzutage ist so viel breitgetreten, dass du dir kaum mehr Gedanken zu machen brauchst. Dir wird ständig gesagt, was du zu denken und zu fühlen hast. Deswegen stellen wir lediglich die Musik zur Verfügung und überlassen es dir deine persönliche und einzigartige Interpretation. Aber ich mag Distant Worlds auch sehr und ich denke nicht, dass wir im Wettbewerb zueinander oder sowas stehen. Unsere Ansichten dieser tollen Musik sind nur unterschiedlich und ich denke, dass diese Vielfalt auch den Fans gefällt.

Diese Frage ist nun etwas egoistisch, aber als Fan des Instruments muss ich sie stellen. Mein Inneres zwingt mich dazu! Könntest du dir vorstellen ein Arrangement nur für die Orgel zu schreiben?
Klar, warum nicht!

Eine Frage über Final Symphony, das vergangenen Mai aufgeführt wurde. Ganz allgemein: Wie war das Konzert für dich? Was hat dir besonders gefallen und gab es Stellen, die du heute anders angehen würdest?
Oh, es war wirklich wunderbar! Erneut habe ich viel gelernt! Mir gefällt auch die Sinfonie sehr und das meiste hat so funktioniert wie geplant, aber ich werde mich nochmal dransetzen. So wie ich bislang fast jedes Werk, das ich arrangiert habe, nochmal überarbeitet habe, wenn sich die Möglichkeit ergeben hat. Es gab einige Stellen, die etwas mehr experimentell waren (wie der Kampf und das Feuerwerk) und mir kamen ein paar nette Ideen, wie ich sie verbessern könnte. Ich hatte auch eine tolle Idee für die „How to become a warrior“-Stelle im dritten Akt, so dass ich mich auch daran nochmal setzen werde. Für mich ist ein Stück niemals richtig fertig. Es gibt nur Termine, die dich ein Werk abgeben lassen. :)

Im November steht dann auch bereits ein neues Konzert an: Symphonic Selections. Liegt alles im Zeitplan?
Jep, ich mache drei Stücke. Roger wird diesmal die Großen machen.

Werden wir wieder mit Experimenten rechnen können oder bleibt es traditionell wie beispielsweise bei East meets West?
Es wird eher traditionell sein. Obwohl, ich weiß noch nicht. Eigentlich fange ich immer eher traditionell an und habe dann kommt mir eine Idee und es wird ganz anders… Lassen wir uns überraschen.

Wenn ich mich richtig erinnere, ist seit Symphonic Fantasies auch Roger Wanamo bei euch dabei. Auf die Musik bezogen, was würdest du sagen, was die größten Unterschiede zwischen dir und Roger sind?
Meiner Meinung nach haben wir unterschiedliche (und sich ergänzende) Stile! Rogers Stil ist klarer im Moment und er macht diese Ebenen-Sachen. Seine Timings (und sein Layering) sind verflucht gut. Es ist so klasse mit ihm zusammenzuarbeiten, da er dafür sorgt, dass ich nicht abhebe und wir stets versuchen uns gegenseitig zu übertreffen!-) Ich denke, ich bin mehr auf der experimentellen Seite der Dinge und liebe es mit Farben und zahlreichen Klängen zu experimentieren. Ich betreibe auch Layering, aber nicht mit Melodien, sondern mit Texturen, usw… Weiß nicht, gute Frage. Ich weiß, dass mir funktionale Arrangements genauso gelingen (wie Starfox und die beiden Zugaben in East meets West), aber meistens scheint es mir, dass ich eher zu den Farben tendiere (wie bei Zeldas „Light Spirit“ in East meets West).

© intuitive fotografie köln // Philippe Ramakers

© intuitive fotografie köln // Philippe Ramakers

In Ordnung, gehen wir davon aus, dass du ein Arrangement von etwa zehn Minuten schreiben sollst zu einem Spielesoundtrack, den du nicht kennst und du hast etwa neun Monate Zeit. Wie sieht dein Vorgehen aus?
Das ist VIEL zu viel Zeit! Vielleicht als ich mit der Sache angefangen habe, habe ich so lange benötigt, aber mittlerweile nicht mehr. Wenn ich versuche etwas fortzuführen, dann möchte ich definitiv so viel Zeit wie möglich dafür aufwenden. Ein brillantes und funktionieres Konzept für ein Arrangement zu finden braucht Zeit. Zumindest geht es mir so. Nehmen wir das „Waterside“-Arrangement aus Blue Dragon als Beispiel. Das ist ein Arrangement, das ich für Symphonic Odysseys geschrieben habe und worauf ich wirklich stolz bin. Nachdem ich einige Zeit darüber nachgedacht habe, wie ich das Arrangement angehe, sah ich, wie visuelle Wellen die Akkorde der Musik wegspülen. Ich grübelte über die Idee für rund eine Woche und entschied mich dann dafür, es so zu machen. Dabei wollte ich nur die Streicher benutzen, weil ich dachte damit das meiste „Wasser“ aus dem Stück herausholen zu können. Der GESAMTE Streicher-Abschnitt spielt individuelle (einzelne) Zeilen ab und da Streicher recht homogen vom untersten C bis zur höchsten Note sind, war es fast wie das Arbeiten mit Sinussen (additive Synthese).
Zuerst wird die originale Melodie ganz konventionell abgespielt, dann folgt ein Übergang und die Akkorde werden nach und nach von unten weggespült, so dass du am Ende nur noch die Melodie der ersten Geige hast. Danach kehrt die Begleitung, die vorher gespielt hat, zurück, aber ist nun verschwommen, so als ob du unter Wasser wärst und die Kernmelodie darüber. So ist es als wäre die Melodie auf dem Wasser und die Begleitung unter dem Wasser. Danach tritt die Musik verblasst aus dem Wasser und ein Violinensolo erklingt, dass die Melodie erneut spielt. Das ist vermutlich die beste Idee und Ausführung, die ich jemals gemacht habe und sie hat mich drei Wochen gekostet. Eine Woche bis ich auf die Idee gekommen bin und zwei, um die Noten zu schreiben. Ich hätte es auch in ein paar Tagen geschafft, aber dann wäre es um EINIGES schwächer als aktuell…

Aber um zu deiner Frage zurückzukehren:

  1. Ich würde das Spiel spielen oder es mir auf YouTube ansehen (Longplay). Ich bevorzuge das Ansehen von Longplays, da ich auf dem Weg einfacher das „Spielen“ anhalten und mir Markierungen oder andere Beobachtungen notieren kann.
  2. Ich würde alle individuellen Stücke im Spiel, alle Melodien, Dinge, die auffallen (Rhythmen, Farben, usw.) und Akkorde aufschreiben (ja, auf Papier). Das Ergebnis sieht ein bisschen wie ein gefälschtes Notenbuch aus. Ich spiele dann etwas damit herum, um mich mit den Stücken vertraut zu machen.
  3. Ich versuche mir eine Idee auszudenken, die die Gedanken der Musik und des Spiels am besten repräsentiert. Nachdem ich eine verdammt gute Idee gefunden habe ->
  4. Ich schreibe eine lange Guide Map, die keine eigentlichen Noten enthält, aber dafür Grafiken, Timings und andere Markierungen: wo und wie Themen und Einzelteile vorkommen und vorkamen. Ebenfalls arbeite ich die Harmonie über einen längeren Zeitraum heraus. Dadurch kann ich mir das Stück anhören bevor ich irgendeine Note niedergeschrieben habe. Fühlt sich etwas falsch an, ändere ich die Road Map und wenn es sich fertig anfühlt, dann schreibe ich die eigentlichen Noten auf.
  5. Ich schreibe die Musik.
  6. Irgendwas funktioniert nicht und ich denke panisch darüber nach bis ich keine Zeit mehr habe (Deadline). Für gewöhnlich finde ich aber eine Lösung.

Anderes Gedankenspiel: Du bist 20 und ich sage dir, dass du eines Tages mit Nobuo Uematsu zusammen arbeiten wirst.
*größtmöglicher Freudeschrei hier einfügen*!!

Zum Abschluss mal so gefragt: Ist dein Japanisch oder dein Deutsch besser?
Leider kann ich kein Japanisch, aber ich lerne Deutsch (also vielleicht eines Tages…!)

Danke Jonne und mach bitte weiter so!
Danke für dieses Interview!