Heute Abend findet der erste German Game Music Award statt. Ort des Geschehens ist diesmal nicht das gewohnte Köln, sondern es geht in den Norden Deutschlands, genauer gesagt in das kleinste Bundesland, der Hansestadt Bremen. Passend dazu haben wir Frau Katrin Anders zum Interview gebeten, die als Repräsentantin des Bremer Konzerthauses „Die Glocke“ in der Jury sitzen und somit ein Wörtchen mitzureden hat, welcher der drei Finalisten nach dem Konzert „Game Symphony“ ausgezeichnet wird.

VGM Lounge: Guten Tag, Frau Anders. Vielen Dank, dass Sie sich ein wenig Zeit für uns nehmen. Vermutlich kennen Sie nur wenige Leser, könnten Sie sich daher bitte kurz vorstellen und erläutern, welche Rolle Sie beim German Game Music Award bekleiden?
Katrin Anders: Guten Tag Herr Hackl. Mein Name ist Katrin Anders. Ich bin Musikerin – Kontrabassistin – und leite seit einigen Jahren im Bremer Konzerthaus „Die Glocke“ die Abteilung für musikalische Kinder- und Jugendprojekte, „Musik-im-Ohr“. Wir veranstalten um die 70 konzertpädagogische Projekte pro Saison, wobei unsere Hauptzielgruppe bislang die 6-13-Jährigen waren. Das neue Projekt bietet uns die Gelegenheit, neben erwachsenen Konzerthörern die etwas älteren Jugendlichen anzusprechen. Wir als Konzerthaus sind – zusammen mit Radio Bremen – die Kooperationspartner des Landesjugendorchester Bremen bei der Ausrichtung des Kompositionswettbewerbs 1st GERMAN GAMEMUSIC AWARD und des Konzertes GAME SYMPHONY.

Die Glocke (© Jürgen Howaldt)

Zu Beginn erst einmal die grundlegendste Frage: Wie kam die Idee zu einem German Game Music Award auf? Und warum Spielemusik?
Die Idee zum GERMAN GAMEMUSIC AWARD entstand bereits vor einem Jahr als wir in der Projektplanung für 2013 waren: der künstlerische Leiter des Landesjugendorchesters Bremen Stefan Geiger warf die Idee eines Kompositionswettbewerbs für Spielemusik in den Raum – ein Sektor, der viele junge Menschen anspricht. Wir wollten damit nicht nur Komponisten ein Forum geben, sondern versprachen uns auch, die sog. Gameszene und die dortigen Jugendlichen mit dem Wettbewerb anzusprechen. Auch dort gibt es viele Talente, die sich am Computer mit der Programmierung von Game-Musik beschäftigen.

Trotz des Namens waren junge Musiker aus ganz Europa aufgerufen sich an dem Wettbewerb zu beteiligen. Was sprach gegen eine Etablierung eines European Game Music Award?
Was nicht ist, kann ja noch werden…
Aber im Ernst: Wir sind ein Bremer Konzerthaus, ein Bremer Jugendorchester und ein bremischer Rundfunksender. Das Projekt sollte erst einmal hier verortet sein – mit einer Öffnung nach außen zu den jungen europäischen Komponisten.

Wie groß war insgesamt die Resonanz am Wettbewerb?
Wir hatten 11 Bewerbungen, davon ein paar aus dem europäischen Ausland. Besonders erfreulich ist die Bandbreite der Bewerber, denn sowohl fertige Komponisten und Studenten als auch Schüler haben Werke eingereicht. Zur letzten Gruppe gehört unser jüngster Finalteilnehmer: Paul Schnieber, geboren 1994!
Man muss dazu wissen, dass alle Komponisten innerhalb von ca. 4 Monaten jeweils 2 komplette Partituren für großes Sinfonieorchester erstellt haben – eine nicht zu unterschätzende, unglaublich große Leistung!

Ari Pulkkinen (© aripulkkinen.com)

Zumindest mich hat die Ankündigung überrascht, dass Ari Pulkkinen in der Jury sitzen wird. Können Sie erläutern, wie dieser Kontakt zustande kam?
Das Thema „Games“ ist in den Medien vielfach negativ besetzt (Stichwort: Spielesucht). Wir möchten aufzeigen, dass es auch eine ganz andere, kreative, spielerische, lustvolle Seite in der Game-Welt gibt. Diese Brücke zu schlagen ist uns ein wichtiges Anliegen – und was liegt da näher, als einen der renommiertesten Game-Musik-Komponisten zu bitten, nach Bremen zu kommen. Herr Pulkkinen ist begeistert von der Idee des GERMAN GAMEMUSIC AWARD und stimmte unserer Einladung sofort zu. Er wird vorab auch mit den Finalisten des Wettbewerbs einen Workshop machen und mit ihnen über ihre eingereichten Kompositionen sprechen.

Herr Pulkkinen dürfte auch der populärste Juror an diesem Abend sein. Doch wer wohnt noch der Jury bei?
Die Leitung der Jury hat Prof. Stefan Geiger, der gleichzeitig Dirigent des Landesjugendorchesters Bremen ist. Weiterhin sitzen in der Jury: Andrea Zschunke (Leiterin der Musikredaktion von Nordwestradio/Radio Bremen), Stefan Ragg (Universal Edition AG, Wien, dort werden die Finalisten-Partituren verlegt und ins Verlagsprogramm aufgenommen), Benedict Broy (Musiker im Landesjugendorchester Bremen und Vorsitzender des Trägervereins) und ich.

Neben der Jury selbst entscheidet auch das Publikum über den Gewinner. Wie läuft die Prozedur ab? Muss das Publikum Karten ausfüllen oder wird der Favorit durch die Lautstärke des Applaus ermittelt? Hat die Jury ein höheres Gewicht bei der Entscheidung?
Das Publikum füllt Karten aus, die in der Konzertpause – während auch die Jury tagt – ausgezählt werden. Zusätzlich geben wir dem Internetpublikum über Radio Bremen und Arte Liveweb die Möglichkeit, online abzustimmen. Am Ende zählen das Saalpublikum als Ganzes und das Internetpublikum als Ganzes jeweils als 1 Stimme, so dass wir in der Summe auf 8 gleichberechtigte Stimmen kommen.

Ist es geplant den Preis in regelmäßigen Abständen zu vergeben?
Wir planen durchaus, das Projekt auch in Zukunft durchzuführen – und sind gespannt auf die Resonanz auf dieses erste Projekt!

Der Preis dreht sich allein um Nachwuchsmusiker. Ohne die Wichtigkeit dieser zu schmälern, gibt es auch Gedanken in der Zukunft ebenfalls Musiker zu ehren, die bereits in der Branche tätig sind?
Der Fokus ist in der Tat auf der Jugend. Als konzertpädagogische Abteilung liegt uns diese Zielgruppe natürlich ganz besonders am Herzen. Zudem ist der Veranstalter, das Landesjugendorchester Bremen, wie der Name schon sagt, ein Klangkörper, der ausschließlich aus talentierten jungen Musikern besteht, die zwischen 13 und 25 Jahre alt sind.
Wir wollen mit dem gesamten Projekt – also Wettbewerb und Konzert – gezielt junge Leute erreichen, Nachwuchstalente finden und vorstellen. Als weitere Aktion im Rahmen des Konzertes haben wir Schulklassen Sonderkonditionen zum Konzertbesuch angeboten. Und als besonderes Projekt durfte eine Schulklasse an der Gestaltung des Programmheftes mitwirken, indem sie Texte geschrieben hat. Herausgekommen ist eine wunderbar vielfältige Mischung mit Themen wie: soziale Auswirkungen von Computerspielen, Funktionen von Musik in Computerspielen, sowie Beschreibungen konkreter Spiel- und Musikbeispiele.

Das Landesjugendorchester Bremen (© ljo-bremen.de)

Als Teil der Veranstaltung wird es auch ein Spielemusikkonzert geben. Nach welchen Kriterien wurde entschieden, welche Stücke im Konzert aufgeführt werden? Ich muss gestehen, „Angry Birds“ verursachte bei mir erstmal ein Stirnrunzeln.
Die Auswahl war recht schwer, da es tatsächlich ein großes Repertoire an „sinfonischer“ Spielemusik gibt. Es ist jedoch ein recht kompliziertes Feld aus Rechtefragen, Lizenzen und natürlich Kosten, die die Auswahl auch mitbestimmt haben. Und natürlich war es uns wichtig, ein attraktives Konzertprogramm zu kreieren. Der Wettbewerb hat dabei einen beträchtlichen Anteil am Programm – zu Recht und auf einem unglaublich hohen künstlerischen Niveau.

Inwiefern hatten die Spielemusikkonzerte des WDR Einfluss auf dieses Projekt?
Selbstverständlich kennen wir die Konzerte des WDR… eine Zusammenarbeit hat allerdings nicht stattgefunden.

Trotz wachsender Popularität von Konzerten in Deutschland ist Spielemusik bei weitem noch nicht so akzeptiert wie die Filmmusik, mit der sie oft verglichen wird. Was löst aus Ihrer Sicht diese Skepsis aus? Sicherlich hatten Sie bei dem Aufkommen des Projekts auch kritische Stimmen vernommen, oder?
Wir sind mit allen Ideen, die im Zuge der Konzeption des Projektes auftauchten, nahezu überall auf offene Ohren, Begeisterung und Interesse gestoßen. So hat beispielsweise Nintendo schnell und umstandslos einer Unterstützung und der kostenfreien Bereitstellung eines Trailers für den Wettbewerb zugesagt. Die Universal Edition AG, Wien verlegt die Finalisten-Noten und erstellt die Orchesterstimmen – auch eine fantastische Unterstützung und unkomplizierte Zusammenarbeit! Dann die jungen Orchestermusiker, die uns – da wir bis zu Projektbeginn eher geringe Erfahrung und Kenntnis von Computerspielen hatten – bei der Stückauswahl inspiriert haben. Zustimmung, Interesse und Begeisterung – das war von allen Seiten zu spüren!

Zu guter Letzt die Frage, die wir jedem Interviewpartner stellen: Wie würden Sie gute Spielemusik definieren?
Ich muss zugeben, dass meine Kenntnisse und Fähigkeiten im Bereich Computerspiele äußerst gering sind. Meine Söhne sind noch zu klein, das Thema wird in der Familie erst in ein paar Jahren wirklich aktuell sein.
Nun, gute Spielemusik muss, passend zum Spiel, Emotionen wecken können – die Handlung des Spiels illustrieren, begleiten – Hinweise geben. Und gern auch noch solo – ohne Spiel – anzuhören sein!

Frau Anders, vielen herzlichen Dank, dass Sie unsere Fragen beantwortet haben!
Vielen Dank!