Der zweite Teil des Sonderartikels!

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Wir wechselten daraufhin das Diskussionsthema in Richtung Inspirationen und Einflüsse, die Umemoto über die Jahre gesammelt hatte. Als Videospieler als auch als Komponist. Er fragte uns freundlich kurz zu warten als er zu seiner Tasche im Flur lief, um uns dann Beispiele für seine musikalischen Inspirationen zu zeigen. Als er sich in Ruhe wieder an den Tisch setzte, zog er zwei Gegenstände heraus: ein rotes Notizbuch und ein Otamatone.

„Bei der Frage nach anderen Musikern, fallen mir spontan andere Spielekomponisten wie (Yuzo) Koshiro und Hiro Miyauchi (welcher in Wirklichkeit Hiro Kawaguchi heißt) ein. Um ehrlich zu sein, war ‚After Burner‘ von Miyauchi eines der ersten Spielemusikstücke, welches ich versuchte zu remixen. Zu einem gewissen Teil würde ich auch das Yellow Magic Orchestra und Casiopea dazuzählen. Wenn ihr in mein Notizbuch seht, versteht ihr vielleicht besser, wie ich das Komponieren angehe.“

Audun vs. Ryu

Beim Öffnen des Buches scheint es zunächst so, als hätte man das Tagebuch eines Verrückten vor sich. Gemischtes Gekritzel in Kanji und Englisch, Diagramme, Zen-Ornamente und Namen von vielen Bekannten, Vorfahren und neuen Freunden. Zusammen mit einem führenden Finger löste sich die Wolke der Verwirrung jedoch für Mattias und mich auf:

„Tatsächlich basieren alle meine Kompositionen auf Zen. Auf welche Wege auch immer läuft meine Musik mathematisch auf eine Glückszahl im Zen hinaus, wobei die Tonlage- und Schlüsselveränderungen der erhöhten oder erniedrigenden Winkel sich entweder auf die Architektur eines Tempels oder eines Berges von spritueller Wichtigkeit stützen. Ich wende Zen in allen Bereichen meines Lebens an, selbst bei meiner Musik.

Euch ist sicher bereits mein Otamatone aufgefallen, dass ich mitgebracht habe. Auch wenn es keine Musik erzeugt, welches von der Masse ‚großartig‘ genannt werden würde, so finde ich die Natur des Instruments sehr inspirierend, da es jeder nutzen und eine Melodie erzeugen kann, ganz gleich wie alt man ist. Diese Philosophie benutze ich auch bei meiner Musik. Ich möchte andere dazu inspirieren es ebenso zu machen und Musik zu erschaffen, die auf dem eigenen Geist beruht. Ein großer Teil des Grundes hierher zu kommen war, andere talentierte Musiker wie Mattias zu treffen, um neue Sounds zu kreieren und Kollaborationen zu schließen, aber auch um sich mit Personen wie dir auszutauschen und von ihnen zu lernen.“

Während die Nacht voranschritt arbeiteten wir uns durch neuere Spieletitel wie Street Fighter IV und Shootern von Cave, die sich als besonders beliebt herausstellten. In letzter Zeit besucht Umemoto recht oft Spielhallen in Japan, um die neuesten Spiele für Arcadesysteme zu spielen. Dies war ziemlich spürbar als sein Sagat meine königlich getrainierten Fähigkeiten hinter sich ließ. Noch beeindruckender sind seine Fähigkeiten aber in Danmaku-Shootern. Mit der gleichen Eleganz, die er für seine Musik aufwendet, schien er die Spielumgebung zu kontrollieren und wich den Wellen von Kugeln aus, die ihm von allen Seiten entgegen schossen. CAVE ist dafür bekannt Spielemusiklegenden für Soundtracks zu engagieren, die in Sachen Popularität oft das Spiel selbst übertreffen.

In der Gallerian Mall in Stockholm

„In den letzten paar Jahren hat meine Karriere einige interessante Wendungen gehabt. Vor etwa 4 Jahren kontaktierte mich der D4 Enterprise-Produzent Hally (ein berühmter Chiptune-Musiker in Japan) mit dem Angebot ein Produzent und Mixer für seinen neuen Spielemusik-Download-Dienst EGG Music zu werden. Dies bedeutete für mich, dass ich alle Veröffentlichungen mastern musste, die auf Plattformen wie dem PC-88/89, MSX, X68000, Super Famicom und PC erschienen sind. Ich möchte euch nicht mit technischen Details langweilen, aber oft benötigte es Reverse Engineering an den Konsolen, um die Musik aus Binärdaten zu extrahieren. Ein extrem langweiliger Vorgang, der oft etliche Stunden für ein paar Minuten Musik beansprucht. Durch diesen Dienst hatten auch meine eigenen Arbeiten eine Chance durch die Ryu Umemoto Rare Tracks CD-Reihe wiederaufzutauchen, die ausverkauft und vergriffen ist.

Ich habe auch begonnen für CAVE an mehreren Projekten zu arbeiten. Ich schrieb die Musik für etliche ihrer Spiele, von der Beisteuerung eines einzelnes Tracks bis zu kompletten Arrangements wie der ESPGALUGA II Black Label. Es ist ein Segen, der mich mit so vielen Spielekomponisten zusammenbrachte. Wie ihr beiden auch wisst war ich auch für den gesamten Soundtrack ihres neuesten Arcadespiels verantwortlich: Akai Katana. Ich habe drei Geheimprojekte für 2011, somit ist also kein Ende in Sicht, aber das ist okay, ich mache mir keine Sorgen. *lacht*“

Wir prosteten uns mit exotischem schwedischem Bier in den Händen zu und sahen uns vergnügt das Game Music Festival 1990 an, eine Konzertkollaboration zwischen Zuntata und dem Sega Sound Team. Selbst in solch einer entspannten Atmosphäre und zu solch später Stunde, identifizierte Umemoto bei den gespielten Liedern Tonveränderungen. Bevor die Nacht sich wirklich dem Ende neigte, startete ich Strip Fighter II für die PC Engine um das unausgeglichene Sieg-Niederlage-Verhältnis auszubessern, welches durch Street Fighter IV entstanden war und machte einen No Death Run in Assault Suit VALKEN, um Umemoto letztendlich das gesamte Spiel zu zeigen.

Die Zeit verging und der Schnee ließ nicht nach und überzog Stockholm wie Diamantstaub. Jeder Morgen begann für Umemoto mit einer Zen-Meditation. Er kreuzte Arme und Beine zu einer geraden Linie und atmete 8 mal tief durch die Nase ein und mit dem Mund aus und befreite so seinen Geist. Es erregt durchaus Gedanken, wenn man solch einen Mann sieht, der mehr Deadlines hat als ich Finger und Zehen, aber so in Frieden mit sich selbst und seinem Zeitplan lebt, während die meisten von uns Jungspunden zwar theoretisch mehr Kraft und Verstand haben, sich aber schon dabei aufregen wie manche ihr Toilettenpapier in die Halterung stecken.

Trotz dem kalten Wind, der fast schon unsere Nasenspitzen gefrieren ließ, gingen wir in das Herz Stockholms, um zu shoppen und ein Abschiedsessen in einem traditionellen skandinavischem Restaurant abzuhalten. Die Kälte schien Umemoto nicht zu stören. Er genoss die Ansichten und Geräusche, die die Stadt zu bieten hatte. Schließlich suchten wir aber dennoch Zuflucht in einem Einkaufszentrum und wärmten uns bzw. suchten kulturelle Gegenstände, die Umemoto mit nachhause bringen konnte. Selbst wenn wir oft denken Japan sei ein Einkaufsparadies und das relativ schmale Angebot eines skandinavischen Ladens sei im Vergleich lächerlich, so betrat er jeden Laden mit Freude und war überrascht wie aufgeräumt und sauber alles zu sein scheint und das freundliche Auftreten der Angestellten lud ihn immer wieder ein sich umzusehen. Mit dem Wunsch etwas typisch Skandinavisches mitzunehmen, kaufte er sich ein paar CDs, ein traditionelles Märchenbuch für Kinder und eine zufällige Auswahl schwedischen Kunsthandwerks.

Zu meiner Überraschung verriet er mir, dass er bereits schon seit längerer Zeit eine Faszination für den französischen Maler Monet habe, als ich gerade durch ein Monet-Kunstbuch blätterte, welcher stets mein Favorit in der Kunstschule war. Ebenfalls gab es Interesse den örtlichen Gamestop zu besuchen, um einen Blick auf unsere Spieleauswahl zu werfen. Es braucht wohl keiner großen Erklärung, dass sie Umemotos Erwartungen nicht ganz erfüllte. Dennoch konnte man ein leises Lachen vernehmen als er die Box des in Schweden produzierten Spieles Josefine ansah, einer Lernspielserie für PC und Nintendo DS mit einem weiblichen Hasen. Als er das Spiel Batman: Brave and The Bold sah, zog er es aus dem Regal und erzählte mir, dass er als Kind gerne Batman-Comics gelesen hatte. Während er das Spiel zurücklegte, informierte ich ihn darüber, dass der Soundtrack dafür von Jake „virt“ Kaufman stammt. Schnell nahm er darauf die Schachtel wieder in die Hand und sah mich mit einem überraschten Gesicht an bevor er preisgab:

„virt ist mein amerikanischer Lieblingskomponist. Dann muss ich es wohl kaufen!“

Es wurde bereits dunkel als wir an der Royal Symphony Hall vorbeigingen, in Richtung unseres letzten gemeinsamen Zieles: Tennstoppet, ein skandinavisches Restaurant mit einer Geschichte bis ins Jahr 1867. Wir suchten uns Delikatessen wie eingelegten Hering und mit Dill gewürzten Tomaten und Lachs aus und saßen im kulturreichen Lokal für mehrere Stunden, um uns weiter über unseren Alltag und die jeweiligen Pläne zu unterhalten. Mir ist dabei aufgefallen, dass Umemoto eine große Faszination für Science Fiction zu haben schien, also fragte ich ob ihm bestimmte Sci-Fi-Werke gefallen würden.

Umemotos letztes Abendessen in Europa

„Science Fiction ist mein Lieblingsgenre. Es ist schwer alles aufzuzählen, was mir richtig gut gefiel, aber ich würde sagen, dass Gundam und die Terminator-Filme den meisten Einfluß auf mich hatten. Es ist aber nicht so, dass mir nur Sci-Fi gefallen würde. Ich habe auch die meisten Bücher von Stephen King gelesen, die ich großartig fand. Aufgrund meiner Arbeit und der Erforschung meines Stammbaums in den letzten Jahren, hatte ich leider nicht wirklich die Gelegenheit mir die letzten Werke anzusehen. Jedoch habe ich es geschafft Mass Effect zu spielen und ich finde, es ist ein sehr gutes Spiel mit einer klassen Story. Nach dem Spielen fühlte ich mich richtig inspiriert. Im Moment, wenn ich nicht gerade arbeite, zeichne ich Blaupausen für energiesparende Geräte. Ich hoffe, dass ich in naher Zukunft nochmal zurück an die Universität kann, um Ökologie zu studieren. Ich schätze mein Interesse für umweltfreundliche Energie kommt aus dem Science-Fiction-Bereich.“

Das Guinness-Bier floß als Mitternacht hereinbrach und unsere jeweiligen Reisen zurück nachhause am nächsten Morgen näherrückten. Wir hatten eine gemütliche Zeit zusammen in einer harschen und kalten Szenerie, eine Zeit, die bei den Vorbereitungen in den Tagen zuvor surreal auf mich wirkte, aber sich nun so natürlich anfühlte als ob man einen Bruder und Freund trifft. Umemoto sagte stolz zu Mattias und mir, mit einem Lächeln auf den Lippen:

„Ich fühle, dass das Hierherkommen mir mehr beigebracht hat als irgendein anderes Ereignis in meinem Leben. Ich kann nicht aufhören von dem Charakter, der Intelligenz und den Herzen überrascht zu sein, die ihr beide gezeigt habt und sich in den Menschen hier widerfindet. Wenn ich nun nachhause gehe, dann mit Inspiration und den Verlangen eine Brücke zwischen unseren beiden Kulturen zu schlagen und allen Spielemusikfans die Möglichkeit zu geben ihre Lieblingsmusik mit Leichtigkeit zu hören und zu erlangen. Nicht nur Musik, sondern generell kulturelle Gegenstände, die Japan repräsentieren, möchte ich jedem so einfach wie möglich verfügbar machen, der sie möchte. Von heute an wird es mein Hauptziel sein eine Handelsfirma aufzubauen, die dies ermöglicht. Während meines Aufenthalts hier in Stockholm, habe ich nicht nur ein zweites Zuhause gefunden, sondern auch Brüder im Geiste. Ich möchte Gewissheit darüber, dass jeder die Wichtigkeit kennt, hinaus in die Welt zu gehen und das Leben zu erkunden, da es mich so viel gelehrt hat.“

RisqueFellows

Es wurde Zeit für uns auseinander zu gehen als wir auf den eisigen Stufen des Hotels liefen, in welchem Umemoto die Nacht nahe des Flughafens verbringen würde. Wir verbrachten noch einen Moment in seinem Hotelzimmer als er seinen Laptop hochfuhr, um uns Fotoalben seiner Heimatstadt zu zeigen. Mitten zwischen dem geschäftigen Bürotreiben und den Straßen von Tokyo, sahen wir die Ruhe, die er mitgebracht hatte, in Bildern von Zen-Gärten und Energieexperimenten, die er fotografiert hatte. Wir schossen noch ein letztes Foto bevor wir unterschiedliche Wege gingen, schüttelten uns die Hände und stimmten überein, welch Ehre es war den jeweils anderen zu treffen. Für jetzt ist unsere gemeinsame Zeit zuende, aber es wird nicht das letzte Mal sein, dass sich unsere Wege kreuzen.

Auf der langen Zugfahrt nachhause dachte ich über die letzten Tage nach, die schnell vorüber gingen. So schnell, dass ich mir nicht ganz bewusst war, was genau eigentlich passiert war. Obwohl Umemoto um die halbe Welt gereist ist, um uns zu besuchen, fühlte ich mich als ob die wahre Reise in mir stattfand. Das tägliche Sehen der Fjorde, die Sicherheit und Freiheit, die unsere Länder uns geben, hatte sich in meinen Stolz getrübt. Die letzten sieben Jahre habe ich damit zugebracht in alle Welt zu reisen und dabei fühlte ich immer, dass das Kommen aus einer Kleinstadt mitten im Nirgendwo mich immer davon abhielt mich in größeren Städten und Orten anzupassen. Dass ich in diesen Jahren immer an ein kleines „Landei“-Gefühl festhielt. Letztlich empfand ich aber ein Gefühl von Errungenschaft und Stolz über mich und meine Heimat. Wenn nichts mehr in meinem Leben passiert oder ich einen vorzeitigen Tod erleiden sollte, kann ich zurück zu mein 9 Jahre altes Ich gehen, der sich durch Erwachsenenmagazine und CD-Rs wühlt und sagen, dass ich in Zukunft Ryu Umemoto nicht nur „Danke“ sagen würde, sondern ihn auch als Bruder und Freund betrachten werde.

Obwohl ich nicht meine eigene Hand schütteln würde, weil ich weiß, wo sie war.