Es ist noch gar nicht so lange her als wir den Norweger Audun Sørlie im Interview hatten. Nun, angesichts des zweiten Geburtstages von VGM Lounge, wollen wir als eine Art Geburtstagsspecial die erste Übersetzung einer seiner Artikel auf VGM Lounge veröffentlichen. Und die hat es in sich: Vor wenigen Jahren konnte der gute Audi den Komponisten Ryu Umemoto treffen und viel über das Leben erfahren. Was er gelernt hat und was er sonst noch erlebte, hat er im nachfolgenden Artikel beschrieben. Wir wünschen viel Spaß beim Lesen! Noch ein kleiner Hinweis: Aus technischen Gründen besteht der Text aus zwei Teilen!

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Originalautor: Audun Sørlie
Übersetzung: Andreas Hackl
Originalartikel erschienen bei Hardcore Gaming 101

Am meisten Spaß macht die folgende Geschichte mit etwas Musik von Umemoto. Also zögere nicht dir vorher die Packung Hörbeispiele zu besorgen!

Als ich ein freundlicher, junger Bursche war, gab es so einiges in meinem jugendlichen Schädel. Wie jedes Kind, welches das Glück hatte in den 1980er Jahren geboren und aufgewachsen zu sein, genoss ich die Früchte des Jahrzehnts und sah die besten Zeichentrickserien, die das Fernsehen zu bieten hatte und gab mein Leben den Videospielen hin. Doch mehr als von den Spielen selbst, war ich manchmal mehr an der Musik interessiert, die die Spiele hatten, vor allem nach dem Kauf von Batman für das NES. Das Aufwachsen mit dem C64, dem NES und dem MSX war für mich ein Segen, denn ich war stundenlang damit beschäftigt Cartridges und Disketten zu durchforsten, um die beste Musik mit meinem Kassettenrekorder aufzunehmen und persönliche Mixes zu erstellen, lange bevor das Internet und entsprechende Aufnahmesoftware den Weg in das normale Zuhause fand. Aber als ich so heranwuchs, schlich sich ein anderes Interesse in meine fragilen erwachsenwerdenden Gedanken: nackte Mädels.

Ein norwegischer Landstrich

Und wer hatte schon mehr Zugang zu pornografischem Material sanfterer und härterer Gangart als der große Bruder? Jep, wie jedes andere Kind auch, welches entdeckte, dass Brüste Spaß machen, steckte ich meinen Kopf in seine Sammlung, die er angesammelt hatte seit er die gleiche Entdeckung bereits 7 Jahre zuvor machte. Die Auswahl war endlos und variantenreich, aber mit dem Auffinden einiger CD-Rs in der Box änderte sich mein Interesse wieder dahin, wo es zuvor schon war. In mitten von Bildern mit Anime-Mädchen in fragwürdigen Positionen und angegriffen von etwas, was ich nur als „farbige Lakritzstangen mit Augen“ identifizieren konnte, war eine EXE-Datei mit dem Namen „ebe“. Ich installierte die Datei und mit etlichen Computerwürmern, die sich womöglich darauf befanden, sah ich mich vor einem Spiel namens „EVE burst error“. Dies führte mich zu der Entdeckung einer der wichtigsten musikalischen Einflüsse in meinem gesamten Leben: die Musik von Ryu Umemoto. Zeitsprung. Gute 15 Jahre später finde ich mich selbst am Stockholmer Hauptbahnhof wieder, wartend auf meinen ankommenden Freund für unsere gemeinsame Zeit in der Hauptstadt Schwedens. Dieser Freund war niemand geringeres als Ryu Umemoto selbst.

Auch wenn ich mich als Weltbürger verstehe, so grüße ich aus Norwegen, genauer gesagt nahe der Hauptstadt Oslo. Durch gegenseitige Freunde und Geschäftsbeziehungen, die ich hatte, war es mir vor einiger Zeit möglich Freundschaft mit einem meiner Idole zu schließen. Einer dieser gegenseitigen Freunde ist der schwedische Komponist Mattias Häggström Gerdt, der unter dem Pseudonym Another Soundscape Musik schreibt, tiefe Einflüsse von Umemotos Komponierstil in sich trägt und über faszinierendes Talent verfügt. Die beschlossene Entscheidung war, die Festlichkeiten in seiner komfortablen Wohnung nahe Stockholm abzuhalten, um unseren musikalischen Helden durch die schöne schneebedeckte königliche Stadt herumzuführen. Nach der Fahrt vorbei an eisigen Seen, wurde ich von Mattias mit einer richtigen Wikingerumarmung begrüßt und wir warteten sodann auf die Ankunft von Ryu Umemoto. Als der geschmolzene Schnee langsam an meiner Kleidung und meinen Sachen trocknete, schüttelte ich endlich die Hand mit dem Mann, dessen Arbeit zu einem großen Teil für meinen Weg in Leben und Beruf verantwortlich war.

Als er mit seinem Koffer und uns durch den Bahnhof schlenderte, nahmen wir uns die Zeit und saßen uns etwas, um einen kleinen Happen zu Essen und Energie von unseren individuellen Reisen durch den dichten Schnee zu tanken, der auf Stockholm herab fiel und kein Ende fand. Während der kleinen Mahlzeit unternahmen wir unsere erste Reise in die Gedanken des Mannes und versuchten ihn zu verstehen. Als er uns ein Geschenk namens Inden überreichte, eine Geldbörse aus Hirschhaut mit einer 400jährigen Tradition in Yamanashi, erklärte Umemoto unter wahrlicher Entzückung, dass es sein größtes Verlangen sei, seine Kultur und sein Erbe in die Welt hinaus zu tragen. In den letzten Jahren hatte er begonnen seine DNS und seine Ahnen zu erforschen, mit dem Ergebnis, dass er ein Nachfahre der Takeda Shingen sei, einem mächtigen Landherren während der Sengoku-Ära in Japan (1467 – 1573). Es war diese Entdeckung, die ihn veranlasste seine bisherige Umgebung zu verlassen und sein Wissen, seine Einflüsse und Hinterlassenschaften zu erweitern. Und so saß er hier und aß das Festmahl eines Weltreisenden – einen Hamburger von Burger King. Wir starteten unsere Reise in unsere Wohnung außerhalb der Stadt und liehen weiterhin unser Ohr an Umemotos aufschlussreichen Geschichten über seine Vorfahren und dem Zen-Buddhismus, den er praktizierte.

Endlich zuhause nach dem eiskalten Gang vom Bahnhof, nahm Umemoto unsere Videospiele auf unserer Müllhalde in Augenschein. Nachdem er niemals seine spielerischen Wurzeln hinter sich gelassen hatte, erzeugte die Entdeckung von Gradius V, Psyvariar und Mushihime-sama Futari eine Reaktion, vergleichbar mit jener, die man hatte als man zum ersten Mal als Kind die Super Shredder-Actionfigur im Spielzeughandel sah. Doch wie auch immer, ein Spiel hatte es ihm mehr angetan als irgendein anderes. Taito Legends lag auf der Spitze des Haufens und darauf Elevator Action. Er drehte sich zu uns um und fragte freundlich:

Umemoto beim Spielen von Elevator Action, seinem ersten Spiel überhaupt

„Darf ich das Spiel bitte spielen? Elevator Action ist das erste Videospiel, dass ich jemals spielte. Über Jahre hatte ich keine Gelegenheit mehr es zu spielen.“

Elevator Action war für viele japanische Spieler der erste Schluck ihres neugefundenen Hobbys, und zu sehen, wie Umemoto zurück zu seinen Anfängen kehrte, war für uns ein besonderes Vergnügen. So hangelte er sich durch seine Erinnerungen und erzählte uns von seinen bescheidenen Anfängen.

„Während der Oberschule fing ich an, an kleinen freiberuflichen Projekten für Heimcomputer-Systeme zu arbeiten. Bereits als ich jung war hatte ich schon immer eine Faszination für Musik, für das Herumspielen an Synthesizern und dem Programmieren von Musikstücken darauf. Leider hatte ich keine zufriedenstellende musikalische Ausbildung, so dass alles, was ich wusste, mir selbst durch Neugierde beibringen musste. Meinen ersten Auftrag bekam ich von einer Firma namens Familysoft nachdem ich ihnen einige Demotapes von mir zugesandt habe. Die Spiele waren hauptsächlich Adaptationen von Gundam oder Macross für den FM-Towns Marty und den PC-98, welche es mir kaum erlaubten mich musikalisch zu entfalten.

So entschied ich mich, mich selbstständig zu machen, um ein Spiel zu finden für welches ich Musik schreiben konnte, welche mir persönlich Spaß machte. Und so bekam ich einen Job bei C’s Ware, um Musik für ihre Visual Novels zu machen. Mein erster Auftrag war dabei XENON, ein erotisches Adventure in einer Weltraumstation. Die Deadlines waren extrem heftig. Oft hatte man weniger als 2 Monate Zeit während man an verschiedenen Projekten parallel arbeitete. Dennoch habe ich irgendwie die Zeit genossen, da ich auf Plattformen arbeitete, die mein Markenzeichen werden würden: der YM-2203 und die FM Sound Modulation. Die Spiele von C’s Ware bekamen auch eine persönliche Verbindung mit mir, da die späteren Werke, an denen ich arbeitete, oft Yokohama als Inspirationsquelle hatten, was es mir erlaubte Inspirationen von einem Ort zu sammeln, mit dem ich tief verwurzelt bin. Überraschenderweise gab mir die Firma freie Hand bei meinem Schaffen und erzählten mir Persönlichkeiten, Orte und Hintergründe, damit ich Ideen sammeln konnte. Bei diesen Spielen habe ich das Gefühl, dass Ryu Umemoto geboren wurde.“

Immer am nächsten Keyboard

Die späteren Werken waren Desire und Eve burst error, welche seine bekanntesten wurden. Die Spiele waren ein großer Erfolg für C’s Ware und platzierten Umemoto in der Geschichte der Spielemusik als einen der besten FM Synth-Komponisten aller Zeiten. Seine Arbeiten werden oft mit jenen von Yuzo Koshiro verglichen. Nicht, weil die Melodien Ähnlichkeiten aufweisen, sondern aufgrund der durchdachten und komplexen Klänge. Nach seinem 3-Jahres-Vertrag mit C’s Ware, wandte sich Umemoto der Firma Elf zu, um die Musik für ihr neues Projekt zu schreiben: YU-NO, A girl who chants love at the bound of this world.

Obwohl Elf bereits erfolgreiche Spiele veröffentlichte wie Doukyousei in 1992 oder die Dragon Knight-Reihe, wurde YU-NO ihr beliebtestes und erfolgreichstes Projekt und einen großen Anteil daran wird dem großartigen Soundtrack von Umemoto zugesprochen. Mit Ausnahme von XENON wurden alle Visual Novels von C’s Ware und Elf, für die Umemoto die Musik schrieb, überarbeitet und für die PlayStation und dem Sega Saturn portiert, als auch sogar für die PSP sowie PS2. Eve burst error und Desire schnupperten auch internationale Luft, nachdem sie für Windows in den USA erschienen sind, wenn auch mit einigen groben Schnitten in der Story und den Inhalten. Auch wenn es eine große Ehre war, dass seine Arbeit außerhalb Japans veröffentlicht wurde, so ist er mit den Ports nicht völlig zufrieden.

„Natürlich ist es bewegend, wenn du siehst, dass dein Traum und deine harte Arbeit solche Wege findet, aber die Arbeit an der Musik bei den Heimkonsolen- und PC-Ports stammt nicht von mir, so dass Veränderungen an der Musik und den Soundtreibern einen negativen Effekt auf meine Musik hatte. Es freut mich, dass sie immer noch effektiv genug zu sein scheint, so dass Personen wie du eine Verbindung fühlen und meine Musik weiter unterstützen würden, aber ich wünschte, man hätte mich mehr bei den Ports involviert, um sicherzugehen, dass die Musik ordentlich eingebunden wird.“

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