Die deutsche Spielemusikszene ist zwar klein, aber fein! Nachdem wir in vergangenen Interviews Benyamin Nuss und Thomas Böcker um Antworten baten, gesellen sich nun Nicole Lange und Sebastian Johannsen dazu. Beide sind Teil des Projektes ICO-Radio, einem (und dem einzigen?) deutschsprachigen Podcast zur Spielemusik.


Fragen von Hamu-Sumo

VGM Lounge: Hallo ihr beiden. Freut mich, dass ihr etwas Zeit für uns gefunden habt. Eure Namen sagen den meisten wohl wenig, daher stellt euch doch zunächst bitte kurz vor.
Sebastian: Hi, ich bin Sebastian, 29 Jahre jung und vom Berufswegen Kameramann & Cutter bei MTV GameOne. Das ist auch meine Jobposition bei ICO-Radio: der Cutter. Die Aufnahmen, die Nicole und Denis machen, gehen auf direkten Wege zu mir, wo ich Versprecher herausschneide, die passenden Samples einbaue und das ganze Rundum auf einen guten, technischen Stand bringe.

Nicole: Im Grunde haben wir uns alle bei GameOne damals kennengelernt. Wir haben da in unterschiedlichen Bereichen gearbeitet. Auch Denis war damals dort Kameramann und Cutter. Ich bin Journalistin und arbeite schon seit einigen Jahren in der Games-Branche. Meine Aufgabe bei ICO-Radio ist neben der Moderation, die Folgenplanung und Recherche. Denis kümmert sich um die Technik und ist unser 2. Moderator.

Euer Projekt nennt sich ICO-Radio, ein Radio bzw. Podcast in deutscher Sprache zur Spielemusik. Hat der Name etwas mit dem Videospiel ICO zu tun oder wie seid ihr auf den Namen gekommen bzw. was verbindet dieser mit Spielemusik?
Nicole: Der Name hat den Bezug auf Insert Coin. Wir haben damals lange nach einem Namen gesucht, der auch einen Bezug zum Gaming hat. Anfangs hatten wir auch überlegt, ob es Verwechslungen mit dem Spiel gibt, aber uns gefiel der Name und dann haben wir uns dafür entschieden.

Ein Podcast macht nicht gerade wenig Arbeit. Was hat euch bestärkt dieses Projekt anzugehen?
Sebastian: Mich vor allem wegen der Abwechslung und der Thematik. Sicher, mit Videospielen habe ich viel zu tun. Aber einen Podcast zu schneiden ist um so vieles anders, als ein Video zu schneiden. Es ist wie das „blinde“ Herantasten an eine neue Umgebung. Man muss seiner ganzen Aufmerksamkeit dem Ton und der Musik widmen und wird nicht mit Bildern der Fantasie beraubt. Daher war ich sehr erfreut, als Nicole und Denis meine Hilfe dankend angenommen haben.

Nicole: Wenn man ein Projekt wichtig findet und Spaß an der Thematik hat, dann ist einem die Arbeit eigentlich nicht so wichtig. Hauptsache man hat am Ende etwas Gutes geschaffen. Wir wollen uns natürlich immer weiter verbessern, aber wir machen es gerne und die Motivation kommt dann von alleine. Wenn es von den Leuten angenommen wird, macht es umso mehr Spaß.

Wie wählt ihr eure Themen aus bzw. nach welchen Kriterien werden die Stücke ausgesucht, die ihr im Podcast spielt?
Nicole: Wir müssen uns natürlich an Richtlinien wie Lizenzrechte usw. orientieren und stehen da auch immer mit den Rechteinhabern und Komponisten im Kontakt. Aber die Wahl treffe ich eigentlich immer aus einem Mix der aktuell angesagten und verfügbaren Spiele. Hinzu krame ich auch gerne in meinem Spielearchiv und suche alte Games heraus. Wir versuchen immer einen Mix aus Retro und aktuellen Gaming-Soundtrack in der Show zu haben. Gerne nehmen wir auch Künstler aus der 8Bit-Szene.
Wir wirbeln jetzt aber nichts wild durcheinander. Wir schauen schon, dass jede Show musikalisch einer gewissen Linie folgt und die melodischen Unterschiede nicht zu groß sind. Aber ansonsten gibt es keine speziellen Kriterien.

Wie lange braucht ihr denn mit allem drum und dran, sprich von der Planung bis zum Hochladen, zeitlich für eine Sendung?
Sebastian: Für das Schneiden und Hochladen geht gut eine Nacht an Arbeit drauf. Wenn Korrekturen sind, auch gerne einmal zwei. Es ginge schneller, aber bei so einem ehrgeizigen und tollen Projekt, will man doch sehen, dass man mehr und mehr an sich feilt und das Projekt immer bessere Formen annimmt.

Nicole: Mit der Themensuche muss ich im Idealfall schon recht früh beginnen. Hängt immer vom Projekt ab, aber zwei Wochen vor den Aufnahmen müssen wir schon grob wissen, was an Hauptthemen in die Show kann.

Wie schätzt ihr den deutschen bzw. deutschsprachigen Raum ein? Ich bin ja immer wieder verwundert, wenn ich in den Multimedia-Läden Filmsoundtracks von Filmen sehe, von denen ich noch nie gehört habe, aber Spielesoundtracks und -arrangements mit der Lupe suchen muss. Ist das berechtigt oder liegt hier Potenzial brach?
Sebastian: Videospiele sind, anders als in den USA z. B., gerade in den Anfangsphasen auf dem Weg, Kulturgut zu werden. Auch die Filmsoundtracks waren irgendwann ein neues Medium, was man damals auch mit der Lupe gesucht hat. Doch durch den Aufwand und das viele Geld, was an großartige Komponisten wie Hans Zimmer fließt, ist es nur eine Frage der Zeit, bis Videospielsoundtracks ihr eigenes Regal in den Multimedia-Geschäften besitzen.

Nicole: Die Qualität der Soundtracks hat durch die verbesserte Technik mittlerweile den gleichen Stand erreicht. Es ist aber ein eigenes Themenfeld und damit kommen viele noch nicht so klar, weil die Aufmerksamkeit noch nicht so drauf fokussiert ist. Ein Grund weshalb wir ICO-Radio auch machen, um die Qualität der Öffentlichkeit noch näher zu bringen und zu zeigen, dass hier noch eine ganze Menge Potenzial unbeachtet ist.
Ich verstehe es auch nicht, wie man so eine tolle Veranstaltung wie damals zur Games Convention nicht mehr machen kann. Damals spielte ein großartiges Orchester im Leipziger Gewandhaus und begeisterte Tausende von Menschen. Heute holt man Künstler nach Köln, die ebenfalls toll sind, aber die Videospielkultur in keinster Weise vertreten. So etwas finde ich schade weil es mehr Kommerz, als Kultur bedeutet.

Wie seid ihr zur Spielemusik gekommen oder anders gefragt, wann habt ihr begonnen die Musik nicht nur als Hintergrundbeschallung wahrzunehmen?
Sebastian: An dem Moment, an dem die Musik anfing, sich dem Spiel anzupassen. Wenn unheimliche Musik die dumpfen Schritte in Resident Evil untermalte oder ein schallender Chor in Alone in the Dark das langsam zusammenfallende New York in Szene setzte. Musik ist für mich ein wichtiges Kriterium für den Erfolg eines Spieles. Würden die Publisher das nicht ernst nehmen, würde kein Spieler ihr Spiel ernst nehmen.

Nicole: Erstmals wirklich wahrgenommen habe ich damals die Musik in Secret of Mana. Es fesselte mich geradezu. Mit den Jahren nimmt man Musik aber generell anders wahr und konsumiert sie auch ganz anders, aber dieses Spiel ist eine meine ersten wirklich intensiven Erfahrungen in Sachen Videospielmusik gewesen.

Die Frage muss natürlich sein. Welche Lieblingssoundtracks und -komponisten habt ihr? Was gefällt euch an der Musik besonders?
Nicole: Sehr schwer, es gibt so viele tolle Komponisten und Stile mittlerweile. Einer der Größten ist wohl Kōji Kondō. Mit seiner Kompositionen zu Super Mario, Zelda oder Star Fox hat er meine Kindheit musikalisch sehr geprägt. Einer meiner Lieblingssoundtracks ist jedoch der zu Grim Fandango. Aber Inon Zur, Sascha Dikiciyan, Jason Graves und sein großartiger Dead Space-Soundtrack oder Jeremy Soule, den wir zuletzt mit Skyrim in der Show hatten, sind auch Komponisten, die absolut grandios sind. Aber ich könnte ewig so weitermachen. Das schöne dabei ist, dass es immer mehr Künstler gibt, die nicht nur mit einem Soundtrack Erfolg hatten, sondern die über Jahre bereits großartige Arbeit abliefern und so auch die Qualität bestätigen.

Sebastian: Für mich auf Nummer 1. steht Hans Zimmer mit seinem Modern Warfare 2-Soundtrack. Der Mann weiß aus meiner Sicht, die perfekte, musikalische Untermalung für die jeweilige Situation zu finden. Sei es im Film oder sei es im Spiel. Im Spiel sehe ich sogar noch weitere Problematiken. Die Musik kann nicht auf eine Zeit definiert werden, wie in einem Film, wo man weiß, Szene X geht 5min. Die Musik muss sich auf die Spielweise des Spielers anpassen, ohne dabei irgendwann nervig oder unpassend zu werden. Nach seiner grandiosen Musik zu Crysis 2, vertraue ich alleine dem Namen „Hans Zimmer“, dass ich mir um den Soundtrack keine Sorgen machen muss.

Ich persönlich mache mir immer den Spaß und schaue den Leuten bewusst ins Gesicht, wenn ich sage, dass ich Spielemusik höre, weil sie mit so etwas nicht rechnen und oft sogar erstmal etwas Erklärungsbedarf besteht. Wie ist das bei euch? Habt ihr auch schon Leute zur Verwunderung gebracht? ;)
Sebastian: Ohja, da die Hälfte der Musik-CDs in meinem Auto hauptsächlich Soundtracks aus Spielen sind, ist das immer ein guter Gesprächsstoff. Meine Freunde haben sich schon daran gewöhnt UND sogar mit der Musik angefreundet. Lustiger wird es aber, wenn man Fremde mit hat. Da ich viel Pendel, nehme ich oft Mitfahrer mit.
Spätestens nachdem ich sagte, was ich beruflich mache, ist Videospiel ein Thema im Auto. Wenn man ihnen dann sagt, dass man gerne Videospielmusik hört, wird man erst belächelt. Fragt man dann z.B. nach „Hans Zimmer“, kennen ihn alle aus Filmen wie Gladiator. Und wenn man DANN gerade ein Videospielsoundtrack an hat und ihnen sagt „Ja, das hat er auch gemacht und das ist aus einem Spiel“, hat man oft Erstaunen und Begeisterung auf seiner Seite.

Nicole: Eigentlich ist es in den meisten Fällen eher die Diskussion über die Musik an sich und weniger darüber, dass es aus einem Spiel kommt. Manches ist natürlich auch etwas speziell, nicht alles eignet sich zum Autofahren oder für einen netten Mittag mit Kaffee und Kuchen. Aber schmeißt man z.B. den Sam & Max OST ein, kommt keiner drauf, dass es aus einem Spiel ist und dass ist dann immer sehr cool, wenn man den Leute mal eine CD empfehlen kann, die sie von sich aus wohl nie gekauft hätten. Woher sollen sie es auch wissen? Wer sich nicht für Spiele interessiert, bekommt durch andere Medien leider auch nicht so die Möglichkeit diese Soundtracks zu hören. Womit wir wieder beim Etablierungsproblem wären.

Wie würdet ihr gute Spielemusik definieren?
Sebastian: Passend zur Situation im Spiel. Es ähnelt dem Film. Lustige Musik in einer Spannungsgeladenen Szene ruiniert einfach alles. Genauso wie nervtötendes Geklimper bei sehr emotionalen Momenten. Es ist nicht wichtig, wie viel Geld man in namenhafte Komponisten oder Bands steckt, sondern wie gut die Musik vom Genre, von der Geschwindigkeit und vom Mood her zu dem, was der Spieler gerade interaktiv erlebt, passt.

Nicole: Man muss da auch etwas differenzieren. Perfekt ist es natürlich, wenn man Musik hat, die sowohl zu Spielsituation, als auch eigenständig funktioniert. Das erleben wir auch immer in der Show. Einige Tracks funktionieren nur in der Situation, wo sie auch im Spiel abgespielt wurde. Aber ich finde es auch immer sehr schön, wenn ich mir Videospielmusik auch ohne den Spielbezug anhören kann, so erreich man auch Leute, die sonst nichts mit Spielen zu tun haben.
Als Gamer ist es natürlich fantastisch, wenn man einen Track wie den aus Dead Island hat. Wunderbar, da bekomme ich immer noch Gänsehaut, hier funktioniert die Musik alleine schon, aber mit dem Gedanken an die bedrückenden Sequenzen im Trailer bekommt das alles nochmal eine ganz eigene Qualität. Die Heavy Rain-Musik hinterließ einen ähnlichen Effekt bei mir.

Ihr arbeitet beide in der deutschen Computerspielbranche. Habt ihr von euren Arbeitsplätzen aus Einsicht wie die deutschen Entwickler das Thema Musik handhaben?
Sebastian: Leider viel zu wenig. Meist steht das „gesamte“ Spiel im Vordergrund oder irgendein Entwickler. Das Thema Musik wird aus meiner Sicht von den Deutschen, wie aber auch von den ausländischen Entwicklern zu wenig promoviert.

Nicole: Manche Entwickler und Publisher machen mittlerweile schon etwas mehr, aber da muss noch einiges getan werden. Es schwankt immer noch sehr stark, dass merken wir auch in unserer Arbeit. Immerhin bezahlen die Firmen ja auch eine Menge Geld für die Produktion und die muss durch die Verkäufe eingeholt werden. Wenn man die Tracks aber so schwer bekommt, ist das natürlich nicht förderlich.

Wie wird sich eurer Meinung nach die Spielemusik international in den nächsten Jahren entwickeln? Wird man die Orchestrierung weiter vorantreiben? Wird wieder mehr auf den Computer gesetzt? Wird sich der japanische Stil (klare Melodien, „Ohrwurmcharakter“) dem westlichen (komplexere Kompositionen, dezenterer Einsatz) annähern oder umgekehrt?
Sebastian: Ich denke vor allem, werden namenhafte Musikkünstler die Videospiele als neue Quelle für ihre Musik entdecken. Erst gestern kam bei mir Gänsehaut auf, als ich Kanye West – Powers in Saints Row: The Third hörte. Gerade, als man eine feindliche Villa stürmte.
Und dabei ist der Videospielmarkt so vielfältig. Sei es Musik extra für Spiele komponiert, sei es die Bestückung ihrer Lieder zum Ambiente (z. B. im Radio bei Spielen, wo man fährt) oder gar in Trailern. In diesen fanden sich schon oft Künstler wie Eminem & Pink, Linkin Park, der vorhin angesprochene Kanye West oder Filter mit Happy Together.
Wie Motioncapturing für Schauspieler ein neues Standbein für ihren Beruf ist, ist das ebenso für die Musikbranche eine riesige Chance.

Nicole: Ich hoffe, dass die Musik der Games-Branche ihr Gesicht behält und nicht zu stark als Werbefläche bekannter Künstler herhalten muss. Bisher hatte es für mich keinen Mehrwert einen Millionenschweren Musiker einzukaufen. Für mich macht der Charme mehr aus. Komponisten, die mit eigens gebauten Instrumenten wie in IloMilo ein kleines Stückchen Kunst komponieren. Oder wie Garry Schyman, der seinen kompletten BioShock-OST als kostenlosen Download verfügbar macht. Das wird man bei einer zu starken Einbindung internationaler Musiker wohl nicht haben.
Die Orchestrierung finde ich sehr schön und ich hoffe, dass dies auch weiterhin bestehen bleibt. Viele Komponisten machen aber auch viel auf elektronischer Basis. Was ich etwas schade finde, obwohl ich den Kostenfaktor verstehe. Aber echte Orchesteraufnahmen sind für mich immer noch ansprechender. Was die Stile betrifft, so hoffe ich, dass sich die kulturellen Unterschiede weiterhin ergänzen. Eine Annäherung finde ich unnötig. Beide Stilrichtungen haben ihren Charme und das macht Musik schließlich auch aus.

Ich bedanke mich nochmals für eure Zeit und wünsche euch und ICO-Radio alles Gute für die Zukunft!