So, nun ist es endlich raus! Zum 1. Geburtstag von VGM Lounge haben wir den Mann zum Interview gebeten, ohne den die deutsche, wenn nicht gar die europäische, Spielemusikwelt heute wohl anders aussehen würde. Er ist der organisatorische Kopf, der damals im Jahre 2003 das erste Spielemusikkonzert außerhalb Japans zu den Menschen brachte und seitdem unermüdlich einem Ziel folgte: der Musik aus Computer- und Videospielen die Anerkennung zu verschaffen, die sie verdient. Wir sprachen mit Thomas Böcker über die Beginne in Leipzig, Was-wäre-gewesen-wenn-Konstellation und natürlich auch über Symphonic Odysseys und darüber hinaus.


Fragen von Hamu-Sumo und Teioh

VGM Lounge: Hallo Thomas, vielen Dank, dass du dir für uns ein wenig Zeit nimmst. Lass uns am besten in der Vergangenheit loslegen und uns die Anfänge durchleuchten. Also, „Spielemusikkonzertproduzent“ ist bekanntlich leider (noch) kein Ausbildungsberuf. Wie kamst du daher auf die Idee mit dem Konzert? Und vor allem: Was war der Anstoß, dass du dir sagtest „Ich ziehe das jetzt durch!“?
Thomas Böcker: Die erste Idee kam mit einem Artikel, den ich in den 90ern las: Dort wurde von Konzerten mit Spielemusik in Japan berichtet. Das fand ich extrem faszinierend.

Der Anstoss hingegen kam dann, als ich Orchesteraufnahmen zu meinem Soundtrack-Projekt „Merregnon 2“ abgeschlossen hatte. Ich war jung und abenteuerlustig – und dachte mir: Warum nicht die Kontakte und das Wissen nutzen, um ein Konzert mit Spielemusik zu produzieren? In Leipzig begann sich gerade die GC – Games Convention zu etablieren, die perfekte Möglichkeit also, dieses Experiment zusammen mit Angela Schierholz von der Leipziger Messe, dem Dirigenten Andy Brick und dem Orchestermanager Petr Pycha zu wagen.

Aus heutiger Sicht war das natürlich wirklich mutig, mit 25 Jahren. Es hat sich aber mehr als gelohnt, Konzerte dieser Art sind mittlerweile weltweit gefragt. Petr Pycha gründete nach dem Erfolg 2003 sein eigenes Orchester, das FILMharmonic Orchestra Prague, das nicht nur in Leipzig alle Konzerte von 2004-2007 bestritt, sondern auch Soundtracks aufgenommen hat, wie zu Monster Hunter 3, Civilization V oder Mafia II.
Andy Brick ist heute der Dirigent der Welttournee „PLAY! A Video Game Symphony“. Und auch wenn wir mittlerweile eigene Wege gehen, treffen wir uns dennoch von Zeit zu Zeit… nachdem ich das so erzählt habe, fühle ich mich plötzlich alt!

Aller Anfang ist bekanntlich schwer. Auf welche größere Probleme bist du damals gestoßen? Insofern es überhaupt welche gab.
Überraschend oft existierten keine gedruckten Noten mehr. D. h. Partituren und Orchesterstimmen waren (wie auch immer) verschwunden – und so mussten wir aus Aufnahmen und handschriftlichen Notizen rekonstruieren. Keine unmögliche Aufgabe, aber das kostete natürlich Zeit.
Anfangs gab es bei den Publishern verständlicherweise noch keine Ansprechpartner zum Thema Spielemusikkonzerte. Dort mussten solche Strukturen zunächst einmal geschaffen werden. Frage war – würde es sich für die Hersteller lohnen zu unterstützen? Wenn ja, wie würde dieser Nutzen im Detail aussehen? Hier galt es, Überzeugungsarbeit zu leisten.
Heute ist für die meisten klar, dass neben allgemeiner Promotion für die Spiele natürlich der große Vorteil darin besteht, den künstlerischen Aspekt der Videospiele zu beleuchten. Dass man eben mit Konzerten dieser Art auch im Kulturteil besprochen werden kann und entsprechend ernst genommen wird. Besonders in Deutschland ist das sicher aufgrund der Gewaltdiskussion nicht unerheblich.

Japaner gelten als harte Geschäftspartner. Wie anstrengend sind Verhandlungen mit den Herstellern (die meist das Copyright auf die Musik haben und nicht der jeweilige Komponist)?
Marken wie Final Fantasy und The Legend of Zelda sind selbstverständlich sehr wichtig für die Hersteller und entsprechend schützen sie ihre Kreationen. Das ist nicht sonderlich verwunderlich. Die kniffligen Verhandlungspunkte sind von Firma zu Firma anders – bei manchen ist es schwierig bis unmöglich, Artwork zu bekommen, um für das Konzert damit zu werben. Andere sehen Probleme darin, Namen ihrer Komponisten zu publizieren. Vieles klingt eigenartig, aber blickt man hinter die Kulissen, ist das alles keine Schikane, sondern der Versuch, einen Missbrauch der Marken zu vermeiden.
Zugegeben, nichtjapanischen Firmen all die Fallstricke und Beschränkungen höflich zu vermitteln, ist nicht immer leicht. Orchester, die zum ersten Mal mit Spielemusik arbeiten und ohnehin bereits recht nervös sind, können da leicht frustriert sein. Bisher konnten wir uns aber immer gut einigen.

Hast du im Laufe der Jahre Änderungen bemerkt? Sprich, bringt man dir mehr Vertrauen gegenüber, weil die vergangenen Projekte erfolgreich verliefen oder nehmen die Kosten zu, weil man sieht, dass die Konzerte im Westen gut ankommen?
Ja, es gab natürlich viele Änderungen. Ein Konzert wie „Symphonic Legends“ war in dieser Form nur möglich, weil ich seit 2003 mit Nintendo arbeite. Es war das erste Mal in der Geschichte der Firma, dass beispielsweise einem Livestream zugestimmt wurde.
Oder Square Enix – für „Symphonic Fantasies“ gingen wir mit unseren 15-minütigen Suiten einen ganz neuen Weg, zumindest im Bereich der Spielemusikkonzerte. Aber wir bekamen den Segen dafür – auch das war darauf zurückzuführen, dass wir uns seit jeher sehr bemühen, den hohen Anforderungen der Japaner gerecht zu werden.

In einem Interview im Mai mit Eurogamer.de vermutete Nobuo Uematsu, dass es ohne dich wohl keine Spielemusikkonzerte außerhalb Japans geben würde. Hast du dir schon mal die Frage gestellt, wie es heute wäre, wenn du damals nicht die Idee mit den Eröffnungskonzerten zur Games Convention gehabt hättest?
Nobuo Uematsu hat eine sehr schmeichelhafte Antwort gegeben. Dabei ist er selbst ein Pionier, immerhin war er maßgeblich daran beteiligt, dass 2004 ein „Final Fantasy“-Konzert in den USA stattfand, ganz abgesehen von seinen Veranstaltungen in Japan zuvor.
Was passiert wäre, wenn es 2003 kein Eröffnungskonzert im Leipziger Gewandhaus gegeben hätte – das ist unmöglich zu beantworten. Der Einfluss der Reihe ist aber belegbar. Zum Beispiel ist „PLAY! A Video Game Symphony“ seit 2006 auf Welttournee und hat noch immer sehr viele Partituren aus Leipzig im Gepäck. Oder: Die Tour „Distant Worlds – Music from Final Fantasy“ habe ich 2007 zusammen mit Arnie Roth ins Leben gerufen, die bis heute große Erfolge einfährt und demnächst in der ausverkauften Royal Albert Hall in London gastiert. 2006 wurde die jährliche Konzertserie „Press Start“ in Japan ins Leben gerufen, ganz nach dem Vorbild Leipzigs.

Das Eröffnungskonzert hat 2003 entscheidend dazu beigetragen, dass wir heute diese enorme Anzahl an Aufführungen haben. Und ich denke, dass wir in Deutschland nicht irgendwelche Konzerte präsentieren, sondern Weltklasse-Veranstaltungen, die sich nicht auf Videoprojektionen verlassen müssen und stattdessen auf die Qualität der Musik setzen können. Hinzu kommt: Nirgendwo sonst gibt es regelmäßig diese große Anzahl an Uraufführungen. Ich habe von vielen Produzenten gehört, dass ganz besonders die Reihe mit dem WDR sehr genau beobachtet wird, sie gilt als Referenz.

(c) Leipziger Messe GmbH

2008 verkündete die Leipziger Messe überraschend das Aus für die Spielemusikkonzerte im Leipziger Gewandhaus. Hast du diese Entscheidung je verstanden?
Verstanden habe ich die Entscheidung von Anfang an: Man wollte etwas Neues probieren. Die Leipziger Messe selbst gab offiziell zu verstehen, dass der kulturelle Anspruch 2008 zurückgefahren werden sollte.
Nicht verstanden habe ich die Art und Weise, die ich als sehr unprofessionell empfand: Dass wir nach fünf Jahren erfolgreicher Zusammenarbeit über eine Pressemitteilung erfahren mussten, dass sich die Messe für „Video Games Live“ entschieden hatte, war nicht nachvollziehbar.

Überlegungen bezüglich einer Pause hatte unser Team schon vor 2008 angestellt, aber es boten sich dann immer wieder neue interessante Aspekte – genannt sei zum Beispiel der Chor, der ab 2006 mit dabei war.
Die gesamte Reihe im Gewandhaus war für uns eine künstlerische Herausforderung am äußersten finanziellen Limit. Diese Beschränkungen wurden zunehmend untragbar, weswegen das Angebot des WDR letztlich wie ein Befreiungsschlag war. Es geht nicht darum, dass unsere Geldgier so groß gewesen wäre. Sondern darum, dass wir durch den WDR endlich die Möglichkeit bekamen, künstlerisch frei zu agieren und den finanziellen Hobby-Charakter der Leipzig-Konzerte zu verlassen. Wenn man knapp ein Jahr mit der Planung einer solchen Veranstaltung verbringt, dann muss man die notwendigen Ressourcen dafür haben.
Winfried Fechner, dem ehemaligen Manager des WDR Rundfunkorchesters Köln, werde ich immer dankbar sein. Sein Vertrauen hat die Welt der Spielemusikkonzerte entscheidend verändert.

Zu dieser Zeit standest du bereits mit Winfried Fechner, dem damaligen Manager des WDR Rundfunkorchesters, in Kontakt. Wäre dies nicht der Fall gewesen, hättest du versucht, weiterzumachen?
Wie gesagt, wir waren in Leipzig am Limit. Es soll aber nicht so aussehen, als hätten wir ohnehin aufhören wollen; vielleicht hätten wir gemeinsam eine gute Lösung finden können. Eine Zusammenarbeit mit dem WDR wäre nicht abwegig gewesen.
Und auch ohne Kooperation: Mehr als ein, zwei… Konzerte mit Spielemusik in Deutschland sollten absolut kein Problem sein. Speziell, wenn sie regional so weit auseinander liegen wie Leipzig und Köln – und wenn man thematisch andere Schwerpunkte setzen kann.

Wäre in 2008 Symphonic Shades – Hülsbeck in Concert zustande gekommen, wenn die Konzerte im Gewandhaus beibehalten geworden wären?
Ja, deswegen auch die Entscheidung, Arnie Roth für „Symphonic Shades“ als Dirigenten zu engagieren. Es hätte also im August 2008 zwei Events geben können: „Symphonic Shades“ und das sechste „GC in Concert“ – und sie hätten beide sehr gut funktioniert. Oder anders gesagt, sie hätten sich nicht gegenseitig die Besucher abgeworben.

Du gibst die Musik von Chris Hülsbeck immer als deinen Start in die Spielemusikwelt an, so kann man wohl sagen, dass für dich mit Symphonic Shades ein Traum in Erfüllung ging?
Das kann man so sagen, ja. Symphonic Shades ermöglichte es mir zudem, mit Jonne Valtonen erstmals in diesem Umfang arbeiten zu dürfen. Für mich ist er die Persönlichkeit schlechthin, die Spielemusikkonzerte künstlerisch vorangebracht hat. Winfried Fechner gab ihm großartige Möglichkeiten – und er hat sie zu 100% genutzt.
Mit den Gastarrangeuren Yuzo Koshiro und Takenobu Mitsuyoshi wurde zudem das berühmte i-Tüpfelchen auf Symphonic Shades gesetzt. Diese Zusammenarbeit von Komponisten aus aller Welt, dieses Zusammentreffen der Kulturen hat mich schon immer fasziniert. Last but not least, vergessen sollte man nicht, dass ein gewisser Pianist auf der CD zum Konzert sein Debüt im Spielemusikbereich gab: Benyamin Nuss, ein von mir sehr geschätzter Künstler, den ich bei keiner Veranstaltung missen möchte.

Kurz: Symphonic Shades war ein phänomenaler Neubeginn, mindestens so bedeutend wie das erste Konzert 2003 in Leipzig.

Ein Jahr später hast du bzw. habt ihr eine ordentliche Schippe draufgelegt und mit Square Enix nicht nur die Rollenspielfirma schlechthin an eure Seite gezogen sondern den Fans auch noch vier hochkarätige Komponisten live und in Farbe präsentiert. Ich als Fan war innerlich schon sehr hibbelig. Wie ging es dir als Produzent?
Ich erinnere mich an leichtes Unwohlsein vor dem Konzert. Das war in der Tat eine sehr große Veranstaltung, in jeglicher Hinsicht. Symphonic Fantasies umgibt diese Aura des Phantastischen, des Magischen: Vier berühmte Komponisten aus Japan, komplett neues Konzept bei den Arrangements, weltweiter Audio- und Videostream als absolutes Novum.

Übrigens war Symphonic Fantasies auch das Debüt von Roger Wanamo, der erstmals für Köln arrangierte und seitdem ein wichtiger Mann in unserem Team ist. Letztlich hat alles wunderbar funktioniert; wie bekannt ist, wurde der Mitschnitt beim Label DECCA veröffentlicht und schaffte es in die Klassik-Charts. Das Album bekam Höchstnoten von Fans und Kritikern, Lobpreisungen von den Komponisten. Ich denke, das zusammengenommen war ein Erfolg, den man nicht so einfach wiederholen bzw. überbieten kann. Was uns natürlich nicht davon abhält, es bei jedem Konzert wieder zu versuchen.

(c) WDR

Der Nachfolger Symphonic Legends hat leider mit der Tradition gebrochen einen Komponist als Ehrengast begrüßen zu dürfen. Bei einem Interview mit den Kollegen von polyneux hast du bereits genannt, dass der Wille Nintendos da reingespielt hat. In der Tat ist es schon verwunderlich, dass man in Kyoto einer Live-Übertragung ins Internet zugestimmt hat. Bevor wir nochmal auf die Ehrengastsache eingehen, frage ich mich, inwiefern Koji Kondo, der Mann hinter den Melodien von Mario und Zelda, Einfluß auf die Entscheidungen im Management hatte.
Koji Kondo hat uns sehr dabei unterstützt, all die Genehmigungen bei Nintendo zu bekommen, d. h. die Erlaubnis zu kreativen Arrangements, zur Liveübertragung usw. Ich war wirklich beeindruckt. Ich bin ihm dafür sehr dankbar. Bei einem Treffen in Tokio hatte ich ihm 2008 „Symphonic Shades“ präsentiert, was ihm offenbar sehr gefallen hat.
Ohne Koji Kondo hätte es Symphonic Legends nicht gegeben – nicht nur aus offensichtlicher musikalischer Hinsicht, sondern auch aus organisatorischer.

Wäre Herr Kondo gerne nach Deutschland gekommen?
Ich möchte Koji Kondo keine Worte in den Mund legen. Deswegen vorsichtig ausgedrückt: Mit dem Wissen, dass er beispielsweise die sinfonische Tondichtung zu Legend of Zelda von Jonne Valtonen sehr mag und schätzt, und aufgrund seiner offiziellen Aussage, dass er dieses Stück auf jeden Fall einmal live hören möchte, neige ich zu der Annahme, dass er durchaus gern nach Deutschland gekommen wäre.

Wie sieht es mit einer CD zu Symphonic Legends aus?
Ich befürchte, dass es mit einer CD-Veröffentlichung zu Symphonic Legends nichts wird.
Der WDR hat allerdings die Erlaubnis, das Konzert in höchster Qualität als „Video on demand“-Service in die hauseigene Mediathek zu stellen.

Nun nochmal zum Ehrengast. Symphonic Legends hatte, wie bereits gesagt, keinen Komponisten in petto. Nach Schweden zu LEGENDS, auch ein Konzert zu Nintendo, kamen aber gleich zwei: Arrangeur Masashi Hamauzu sowie Donkey Kong Country-Komponist David Wise. Was war diesmal anders?
Vielleicht war schlicht und ergreifend das Timing besser. Das war keine böse Absicht der Produzenten, Arrangeure oder Komponisten. Um das zu betonen, ich bin der erste, der sagt: Ein solches Konzert sollte Ehrengäste dieses Kalibers haben. Es hilft der Atmosphäre ungemein. Es zollt den Schöpfern und den Fans den nötigen Respekt. Ich war selbst extrem enttäuscht, dass es bei „Symphonic Legends“ nicht funktioniert hat, obwohl ich bis zum Schluss gekämpft habe. Denn es ist wahr, es war das erste Mal, dass es bei einem meiner Konzerte keine Komponisten der Originalmusik als Ehrengäste im Publikum gab.

Wie zufrieden warst du mit LEGENDS?
Sehr zufrieden. Und ohne meine vorherigen Konzerte schlechtreden zu wollen, ich empfand „LEGENDS“ als beste Produktion meiner Karriere. Das ist natürlich immer alles subjektiv und nach „Symphonic Odysseys“ werde ich meine Meinung vielleicht ändern.
Aber das Gesamtpaket in Stockholm war phantastisch und die musikalische Qualität war dank der Arrangements und der Orchester-Performance auf einem Niveau, das seinesgleichen sucht.

Wie groß ist eigentlich der Lerneffekt bei heutigen Produktionen? Lernst du bei jedem Mal wieder etwas Neues oder ist alles mittlerweile in eine Art Routine übergangen?
Es ist und bleibt eine Lernerfahrung. Natürlich weiß ich nach all den Jahren recht genau, welche Stücke die Lieblingstitel sind. Aber bedeutet das automatisch, dass wir sie wieder und wieder spielen müssen – und deswegen Exoten zu kurz kommen? Denn vielleicht schaffen wir es, dass ein bisher unbekannter Titel zum nächsten Highlight der Konzerte wird?
Beispiel, „Donkey Kong Country – Aquatic Ambiance“. Ein phantastischer Titel. Wieviele Fans hatten das Stück tatsächlich auf dem Radar? Wieviele Fans hätten gedacht, dass man aus dem knapp 30 sec. Loop von „Light Spirit“ aus „Legend of Zelda – Twilight Princess“ ein über 3-minütiges Stück erarbeiten könnte, dass so manchen Zuhörer in der Kölner Philharmonie in einen Zustand fortgeschrittener Verzückung versetzen würde?

Mir ist wichtig, dass ich stolz auf die Konzerte sein kann. Natürlich kenne ich selbst die Schwächen der Produktionen, besser als die meisten. Doch genau dieses Wissen ist es schließlich, das mich antreibt, beim nächsten Mal wieder Fortschritte machen zu wollen. Mit jeder Veranstaltung lerne ich sehr, sehr viel dazu.

Wenn dieses Interview online geht, wird in wenigen Tagen Symphonic Odysseys aufgeführt. Was sind deine Erwartungen daran?
Es wird das bisher größte Konzert der Serie, wir konnten zwei Mal die Kölner Philharmonie ausverkaufen. Mehr als 4.000 Tickets, etwas erfolgreicheres hat es in Deutschland auf diesem Sektor bisher nicht gegeben.
Das ist schon ein unglaubliches Gefühl. Die Partituren sind meiner Meinung nach erstklassig geraten. Nobuo Uematsu hat zugestimmt, trotz seines überfüllten Terminkalenders nach Köln zu kommen – und in zwei Autogrammstunden seinen Fans zur Verfügung zu stehen, frei von jeglichen Extrakosten für die Besucher, wohlgemerkt.

Viele Fans assoziieren mit Nobuo Uematsu Final Fantasy. Tatsache ist aber, dass bereits etliche Titel abseits der Rollenspiel-Reihe angekündigt wurden. Wie viel Final Fantasy ist Symphonic Odysseys?
Etwa knapp die Hälfte. Sollte es vorkommen, dass wir bereits orchestriertes Material verwenden, dann bekommt es durch unsere Komponisten Jonne Valtonen und Roger Wanamo einen neuen Anstrich. Ich würde „Symphonic Odysseys“ persönlich in eine Kategorie mit „Symphonic Fantasies“ einordnen, wenn es um den Stil der Arrangements geht.
Uns war wichtig zu zeigen, dass Nobuo Uematsu eben nicht nur auf „Final Fantasy“ beschränkt werden sollte – gleichzeitig muss aber klar sein, dass er eine sehr lange Zeit seines Lebens an dieser Reihe gearbeitet hat.

Chris Hülsbeck, Square Enix, Nintendo, Nobuo Uematsu. Alles Namen, die in Deutschland und international bekannt und beliebt sind und mit denen man auch dementsprechend werben kann und zu denen du, dein Team und das WDR schöne Konzertproduktionen gemacht habt. Doch die Welt der Spielemusik ist ja bei weitem größer! Wie groß schätzt du den Erfolg ein, wenn man etwas weniger bekanntes ein Konzert widmet? Sind Namen immer noch sehr wichtig oder hältst du den Beweis für die Allgemeinheit erbracht, dass das Genre selbst großartig ist und es keine großen Namen benötigt?
Wir müssen uns nichts vormachen: Namen sind wichtig. Mir ist durchaus bewusst, dass es sehr gute Spielemusik auch neben den großen Titeln gibt – nur ist es für einen Produzenten ein Balanceakt. Die Orchester haben eine neue Generation an Zuhörern erschlossen, darauf sind sie stolz. In Köln ist es mittlerweile Usus, die Philharmonie zu füllen. Das Risiko, nach einem Misserfolg auszusehen, steigt mit jeder Veranstaltung. Man muss sich das nur veranschaulichen: Jede Veranstaltung der „Symphonic“-Reihe hat Rekorde gebrochen. Eine halbvolle Philharmonie würde mittlerweile Kritiker auf den Plan rufen, die unabhängig von der Qualität des Dargebotenen fragen würden: Rechtfertigt das die immensen Kosten? Ein Konzert mit Musik von Yuzo Koshiro? Masashi Hamauzu? Garry Schyman? Liebend gern. Aber wenn eine Veranstaltung unserer Qualität Budgets im sechs-stelligen Bereich nötig macht, dann braucht es eben einen gewissen Erfolgsmoment, um das allen Beteiligten zu begründen.
Wie kann also die Lösung aussehen? Ich denke, dass mit der Popularisierung von Spielemusik Schritt für Schritt auch das Interesse an weniger bekanntem Material steigen wird, einfach schon aufgrund der Übersättigung.
Soviel sei verraten, der WDR hat all das genau erkannt und prüft im Moment neue Möglichkeiten.

Es ist auffallend, dass der Großteil der Musik, den man in den Konzerten hört, aus Japan stammt. In der Tat wird das Genre in „westliche“ und „japanische“ bzw. „östliche Spielemusik“ aufgeteilt, denn der Unterschied ist meist sehr stark hörbar. Man vergleiche beispielsweise die Hauptthemen von Valkyria Chronicles und Halo. Beides Spiele mit einem fiktiven Krieg als Szenario, aber musikalisch total anders. Das eine mit einem starken Leitmotiv, das andere eher zurückhaltend-mysteriös. Was denkst du ist die Ursache für diesen Unterschied? Liegt das allein an den Spielen begründet oder an der Auffassung, wie Musik in Spielen wirken soll?
Yuzo Koshiro sagte einmal in einem Interview, dass speziell die Japaner sehr auf melodiöse Soundtracks Wert legen. D. h. die Themen müssen klar heraushörbar sein. Westliche Spielemusik orientiert sich natürlich zunehmend an Hollywood, wo es als altmodisch gilt, wenn eben genau das gemacht wird: klare, wiedererkennbare Melodien zu verwenden. Stattdessen wird mehr Sounddesign betrieben.
Es gibt sicherlich Ausnahmen, ein John Williams wird sich davon nicht beirren lassen, aber Fakt ist, dass die Herangehensweise der beiden Regionen mehrheitlich eine andere ist, wenngleich sich beide eigentlich der gleichen Quelle bedienen: westlicher, klassischer Orchestermusik.
Wie sich das in Zukunft entwickelt, müssen wir sehen. Zum Beispiel wurde die Musik von Nobuo Uematsu zu Last Story erst in dem Moment von den Produzenten genehmigt, als sie klar die Züge eines Hollywood-Blockbusters bekam…

Der lettische Staatschor

Wie sehr musikalisch bist du? Würdest du dir selbst zutrauen, Musik zu komponieren?
Jonne Valtonen und Benyamin Nuss attestieren mir eine große Musikalität. Aber komponieren? Ich denke, dazu bedarf es dann doch schon ein bisschen mehr. Sicherlich könnte ich ein paar Noten zusammenbasteln und dann einem Arrangeur geben, so wie es heute im Bereich Spiele- und Filmmusik leider oft üblich ist. Das käme für mich allerdings nicht in Frage.

Wie definierst du gute Spielemusik?
Gute Frage. Schwere Frage. Versuch einer einfachen Antwort: Musik, die berührt. Natürlich könnte ich jetzt wieder von Interaktivität, cleverer Untermalung und Verstärkung von emotionalen Bindungen etc. anfangen, aber was letztlich am meisten zählt, ist doch: Bewirkt die Musik etwas in mir? Egal, wieviele Analysen wir anfertigen und egal, wie technisch sauber oder unsauber die Soundtracks sein mögen, entweder sie gefallen dem Publikum oder sie tun es eben nicht. Spielemusik wird zur Unterhaltung komponiert, ist sie gut, erfüllt sie oben genannte Kriterien. Ich habe Fans gesehen, die bei Final Fantasy, Legend of Zelda, Giana Sisters oder Kingdom Hearts in Tränen ausgebrochen sind, als die Musik in Konzerten erklang. Die Komponisten haben es also geschafft, die Hörer zu berühren. Sicher, hier spielt der persönliche Bezug eine Rolle, das Orchester, die Stimmung, die Nostalgie usw. Ich wage aber zu behaupten, dass diese Faktoren nicht ausreichen, um ein Publikum derart zu fassen.

In der Vergangenheit hast du immer wieder das böse Wort „Pause“ erwähnt. ;) Wirst du dir nach Symphonic Odysseys eine Auszeit gönnen?
Nach Symphonic Odysseys wird beim WDR tatsächlich eine Art Schlussstrich gezogen. Allerdings bedeutet das nicht, dass es ab 2012 keine weiteren Konzerte mit Spielemusik geben wird. Es heißt lediglich, dass man sich dazu entschieden hat, das Konzept der „Symphonic“-Reihe mit neuen Arrangements vorerst abzuschließen.
Aber: Nächstes Jahr feiert meine Konzertserie ihren 10. Geburtstag. Das möchte ich mir nicht entgehen lassen und als Produzent unbedingt tätig werden.

Hast du weiterhin Kandidaten auf deiner Liste, mit denen du in Zukunft gerne zusammenarbeiten würdest?
Unbedingt, ja. Und es muss nicht zwingend Spielemusik sein. Mich begeistert orchestrale Musik ganz allgemein und ich hoffe, entsprechend vielseitig aktiv sein zu können.

Zuguterletzt: Habe ich irgendwas nicht gefragt, was du dennoch gerne beantworten möchtest? Du kannst auch jemanden grüßen oder eine Überraschung verraten. ;)
Zunächst möchte ich mich für das sehr nette Interview bedanken, wirklich interessante Fragen!
Überraschungen verrate ich natürlich schon aus Prinzip nicht, aber: Ich denke, dass Symphonic Odysseys den Fans einen Ausflug in ganz neue Klangwelten ermöglichen wird. Darauf freue ich mich persönlich schon sehr!

Herzlichen Dank für das Interview! Wir wünschen dir alles Gute und für Symphonic Odysseys und darüber hinaus viel Erfolg!