Köln rief nach mir und ich gehorchte. Am 23. September 2010 fand Symphonic Legends – music from Nintendo statt, eines der Höhepunkte (wenn nicht gar der Höhepunkt) der Spielemusik-Szene. Die Vorgängerkonzerte des WDR, Symphonic Shades und Symphonic Fantasies, haben deutlich gezeigt, dass hier nicht gekleckert sondern geklotzt wird und dementsprechend hoch sind in der Regel die Erwartungen der Kenner. Konnte die Veranstaltung diese erfüllen? Kurz vorab gesagt: Ja und Nein.

Nach dem Wiedersehen mit alten Freunden aus der Szene ging es etwa gegen 18 Uhr in Richtung Kölner Philharmonie – zwei Stunden vor Konzertbeginn. Das mag nach früh klingen, allerdings hat die Erfahrung letztes Jahr gezeigt, dass es nicht verkehrt ist lieber zu früh als zu spät anwesend zu sein – auch wenn für dieses Mal keine Autogrammstunde angekündigt war. Aber es fand dennoch eine statt! Anstatt jedoch japanische Komponisten mit einem “Konnichiwa” zu begrüßen, saßen der Hauptarrangeur Jonne Valtonen und die beiden Solisten Rony Barrak und Benyamin Nuss an den Tischen.

Jonne Valtonen, Benyamin Nuss und Rony Barrak bei der Autogrammstunde

Zugegeben, ein Kenji Yamamoto oder gar Koji Kondo wäre genialer gewesen und ich bin auch traurig, dass mit der Komponisten-Tradition gebrochen wurde, allerdings gehören diese drei Personen mittlerweile zum Standardrepertoire eines Symphonic-Konzerts und so bekam man auch mal die Gelegenheit Autogramme von ihnen zu erhaschen. Wer im Übrigen nichts dabei hatte, konnte neben dem Programmheft auch die neulich erschienenen CDs “Symphonic Fantasies” und “Benyamin Nuss Plays Uematsu” erwerben, um diese gleich signieren zu lassen.

Ich möchte auch anmerken, dass ich das Fehlen von Komponisten nicht den Organisatoren in die Schuhe schiebe. Es erscheint mir unlogisch, dass man zunächst vier Hochkaräter einlädt, um dann beim nächsten Mal komplett darauf zu verzichten. Nintendo mag gute Spiele produzieren, sind aber im Bereich der Spielemusik höchst zurückhaltend. Soundtracks sind selten und wenn doch mal einer in Japan erscheint, dann meist entweder nur als Beilage einer Spielezeitschrift oder komplett überladen mit über 40 Stücken auf einer CD (was dazu führt, dass die Lieder nicht in einer Schleife laufen sondern nur einmal und man damit kaum längere Zeiten als 1:30 pro Track erreicht). Dieses Konzert als solches muss also schon als legendär bezeichnet werden – auch ohne Ehrengäste aus Japan.

Durch die Nichtankündigung der Autogrammstunde hatte es demnach ein wenig länger gedauert bis sich eine Schlange bildete, diese wurde aber nie bei weitem so lang wie jene bei Symphonic Fantasies.

Kaufen und Warten

Einen Vorteil hatte es jedoch, denn jeder, der eine Unterschrift wollte, bekam auch eine, denn auch nach dem Konzert saßen alle drei noch an den Tischen und signierten fleißig.

Wie auch immer, wieder drei Alben veredelt:

Symphonic Legends-Meins

Um kurz vor 8 ging es dann in den Saal und nach nur wenig Wartezeit betrat der Moderator des Abends, Ralph Erdenberger, die Bühne und begrüßte die Gäste. Es sei schon jetzt gesagt, dass Herr Erdenberger angenehmer war als sein viel kritisierter Vorgänger, perfekt fand ich aber auch ihn nicht. Auch wenn seine Moderation stets flüssig war, kam es doch zu einigen Stilbrüchen. Sei es sein “C64 aus dem Keller” auf der Bühne oder die misslungene japanische Begrüßung durch die Anwesenden dank fehlendem Countdown, an meinem Wunsch Winfried Fechner möge doch die Moderation übernehmen, rüttelt er daher nicht.

Kommen wir nun zum eigentlichen Kern des Ganzen: dem Musikalischen. Etwas überraschend (vor dem Bekanntwerden des Programms) startete, nach der Eröffnungsfanfare, nicht Mario das Konzert, sondern Fox McCloud und sein Starfox-Team. Und das Arrangement von Shiro Hamaguchi macht auch gleich Nutzen vom hervorragenden Chor, dem lettischen Staatschor, der ein bisschen die Weite des Weltraum darstellte. Ein hervorragend gelungenes Werk, die Kompositionen sind klar erkennbar umgesetzt und mit viel Schwung kombiniert worden. Toller Auftakt und machte Lust auf den weiteren Abend.

Der lettische Staatschor

Als nächstes folgte aber nun Mario. In der “Retro Suite” gab es zu Beginn gleich mal eine Gänsehaut, denn Arrangeur Roger Wanamo begann mit “Dire, Dire Docks” aus Super Mario 64. Natürlich kamen aber auch andere bekannte Themen zum Zuge und neben einem kurzen Abstecher zu Bowser kam das Arrangement erwartend fröhlich-erheiternd daher.

Interessant wurde es darauf folgend nun mit der “Race Suite” zu F-Zero, der die beiden Titel “Mute City” und “Big Blue” kombinierte und die in den Original-Versionen sehr gitarren- und/oder elektrolastig sind. Bevor es jedoch aber richtig losging, betrat ein alter Bekannter die Bühne: der Darbouka-Profi Rony Barrak. Ihn hier einzusetzen ist eigentlich logisch, hätte ich auch darauf kommen können. ;) Wie gewohnt, legte dieser erstmal ein kleines Solo hin, der mit Hilfe von zwei Trommeln eine Art Kopf-an-Kopf-Rennen simulierte. Die Suite selbst war dann jedoch stellenweise nicht ganz so temporeich wie sie vielleicht hätte ausfallen sollen trotz einem prima Arrangement.

Rony Barrak

Gemischte Gefühle gab es bei der Metroid-Suite “Samus Aran – Galactic Warrior”. Zum einen war das Arrangement, wie angekündigt, düster gehalten, was durchaus seinen Reiz hatte, zum anderen stammte das Original aus Super Metroid für das Super Nintendo. Wer also erst mit den Metroid Prime-Titeln anfing mit Samus zu flirten, hatte hier keine Wiedererkennungsmomente. Nichtsdestotrotz gab es ein besonderes Zuckerl für diejenigen, die dem Latein des Chors folgen konnten, denn dieser erzählt von den Ängsten und Gefühlen der Kopfgeldjägerin.

Der nächste Titel ist mein persönlicher Höhepunkt: “Aquatic Ambiance” aus Donkey Kong Country. Hatte ich beim Arrangeur Masashi Hamauzu ein reines Klavierstück erwartet, wurde ich überrascht. Ja, es gab Klavier (besetzt mit Benyamin Nuss), aber nicht in Reinform, sondern in Kombination mit einer Geige! Juraj Cizmarovic, Konzertmeister des WDR Rundfunkorchesters, ist jemand, der es verdient hat auch mal genannt zu werden, denn er spielt nicht einfach nur auf seiner Violine – er lebt sie – und ist dadurch wie geschaffen zusammen Benyamin Nuss einen Klassiker des britischen Komponisten David Wise in diesem großartigem Arrangement aufzuführen. An manchen Stellen werden beide Musiker im Hintergrund von den anderen Violinen des Orchesters unterstützt, was einfach nur traumhaft war! Benyamin hatte recht als er im Interview mit uns von einem “klasse” Stück sprach!

Juraj Cizmarovic

Nach düster und mystisch wurde es nun mit den Pikmin wieder fröhlicher. Nintendos jüngstes Franchise wurde mit “Variation on a World Map Theme” gelungen repräsentiert und ich schließe mich den Worten des Programmhefts ohne Widerrede an: “Das World Map Theme von Hajime Wakai kombiniert in der von Hayato Matsuo arrangierten Variation die verspielte Leichtigkeit des Pikmin-Lebens mit dem Niedlichen der wuseligen Figuren – und der ständigen Gefahr, der die kleinen Kreaturen ausgesetzt sind.”

Bevor man dann nun in die Pause entlassen wurde, durfte nochmal Mario ran. Die “Galactic Suite” von Roger Wanamo hatte Super Mario Galaxy als Hintergrund, dem ersten Mario-Spiel dessen Soundtrack von einem Orchester eingespielt wurde. Mit Windmaschine und Chor fuhr man nochmal fast alles auf und entließ das Publikum mit einem bombastischen Erlebnis zum Verschnaufen. An dieser Stelle sei im Übrigen auch mal Dirigent Niklas Willén erwähnt, dessen Dirigierstil man durchaus als wild bezeichnen könnte, da er fast ständig mit seinem gesamten Körper in Bewegung war. Der Mann liebt seinen Job!

Nach dem Luftschnappen und Trinken begann auch schon der Anfang vom Ende, aber was für eines! In einer über 35-minütigen sogenannten “Symphonic Poem” bekam The Legend of Zelda das Sahnestück des Abends ab. Arrangiert von Meister Jonne Valtonen selbst, zeigte in diesem grandiosen Medley das Orchester und Chor sein ganzes Können. Verspieltheit, Konzentration und Ausdauer. Wenn man Epik definieren muss, dann ist das hiermit getan. Die gesamte Pracht in Worten zu umschreiben ist mir nicht möglich und kämen dem Ganzen wohl auch nicht gerecht, denn man muss diese musikalische Geschichte einfach gehört haben. Meinen Respekt an Herr Valtonen und den Musikern!

Niklas Willén, Roger Wanamo und Jonne Valtonen

Die stehenden Ovationen waren mehr als verdient und natürlich folgte als Dank daraufhin eine kleine Zugabe, die u. a. das Titelthema von Zelda: The Wind Waker enthielt, was mich sofort animierte leise auf meinem Oberschenkel mitzuklopfen. ;)

Benyamin Nuss und Rony Barrak bei der Zugabe

Und dann war es endgültig vorbei und man konnte glücklich den Saal verlassen. In diesem Sinne hat Symphonic Legends die Qualität von Symphonic Fantasies erreicht. Warum sprach ich dann zu Anfang von “Ja und Nein”? Nun, wie schon erwähnt, war es schade, dass keine Komponisten anwesend waren, wobei ich nochmals unterstreichen möchte, dass es ein einmaliges Erlebnis ist vier Spitzenkomponisten an einem Ort zu haben, aber durch die Abwesenheit die Atmosphäre außenrum nicht so prickelnd war. Es ist irgendwie schon rührend, wenn die gesamte Warteschlange anfängt zu klatschen wenn die Ehrengäste zu ihren Plätzen gehen.

Ein anderer Punkt, der mir sauer aufgestoßen ist, waren die vielen leeren Sitzplätze, obwohl die Philharmonie ausverkauft war. Das lag vielleicht am Termin, schließlich fand das Konzert an einem Donnerstag statt – ungünstig gerade für Schüler, die nicht aus der Kölner Umgebung stammen. Andererseits muss man sich fragen, ob es sich lohnt Karten zu kaufen, wenn man sich nicht relativ sicher ist, dass man auch kommen kann (und mit einem Liveempfang über Radio kann man mindestens immer rechnen).
Ein weiterer Grund, der sich in Gesprächen aufgetan hat, lautet kurz “Kein Final Fantasy”. Das Konzert wurde unter anderem als Nachfolger von Symphonic Fantasies beworben und es war lange nicht bekannt, was gespielt wird. Für viele war klar, dass vorerst nicht wieder mit Square Enix zu rechnen ist, für andere aber wohl nicht und Nintendo war dann wohl doch nicht gut genug. Schade.

Wenn man ganz kritisch sein möchte, könnte man auch ankreiden, dass Mario, selbst als Maskottchen Nintendos, zwei Auftritte bekam. Denn statt einer zweiten Suite hätte man auch etwas aus der Kirby- oder Pokémon-Reihe spielen können. Oder Fire Emblem. Oder Golden Sun. Ja, ist gut, ich bin schon still. ;)

Nichtsdestotrotz, es wird weitergehen! Symphonic Odysseys wird am 9. Juli 2011 stattfinden. Natürlich wieder in der Kölner Philharmonie!

(Vielen Dank an GoCho für die Fotos ab der zweiten Hälfte!)