Es ist schon ein wenig verblüffend. Nobuo Uematsu ist ohne Zweifel der bekannteste Spielekomponist und einer der Urgesteine der Spielemusik. Seine Musik erklang bereits in vielen Konzertsälen weltweit und die Pianoalben zu den Final Fantasy-Teilen sind eine Tradition bei Square Enix, dennoch schafft es ein deutscher Jungpianist im Jahre 2010 durch ein Tributalbum zu breiter Aufmerksamkeit. Nicht nur bei den Fans, sondern auch bei Herrn Uematsu selber, der ihn sogar nach Japan zu einem Auftritt einlädt. Glück? Zufall? Vielleicht, aber auch sein Können spricht für ihn.

Wir von VGM Lounge konnten glücklicherweise schon in Benyamin Nuss‘ Debütalbum hineinhören und erläutern, was den Hörer erwartet!

Wenn man es so möchte, ist die CD in drei Blöcke aufgeteilt, denn außer Final Fantasy findet auch Musik zu den Spielen Blue Dragon und Lost Odyssey Platz auf der CD, zu denen Nobuo Uematsu die Musik schrieb nachdem er Square Enix verlassen hatte. Dies mag dem ein oder anderen Final Fantasy-Fan vielleicht sauer aufstoßen, ich persönlich halte es aber für sehr fair. Die Scheibe behandelt eben den Komponist Uematsu und nicht die Spielereihe Final Fantasy.

Wer dies nicht bedacht hat, wird vielleicht bei den ersten Sekunden ein fragendes Gesicht machen, denn die CD beginnt mit Lost Odyssey. „Prologue“ heißt das erste Stück und beginnt gleich aus dem Vollen zu schöpfen. Gemütliche Anfänge sind von gestern! Weiter geht es mit „A Sign of Hope“, welches sich ohne Zweifel für das Album eignet, denn das Original macht bereits ordentlich vom Klavier Gebrauch – nur setzt später ein Orchester mit ein. Dieses ist hier natürlich nicht vorhanden und behilft sich daher einem Trick: Die Gemächlichkeit, die man vielleicht beim ersten Track erwartet hat, wird hier genutzt, um dann ab der zweiten Hälfte die Intensität zunehmen zu lassen ohne es aber zu übertreiben. Abgeschlossen wird die Trilogie mit einem Bossgegner – namentlich „A Mighty Enemy Appears!“. Die abwechslungsreiche Komposition findet sich auch im Arrangement wieder und vor allem Klavierneulinge werden sich denken, dass es viel mehr Spaß macht ein schnell gespieltes Piano zu hören.

Nun folgt auch der Block zu Final Fantasy, angeführt von einem Klassiker, der offiziell und inoffiziell schon etliche Male, arrangiert wurde: „Terra’s Theme“ aus Final Fantasy VI. Die hier vorliegende Version ist über 5 Minuten lang und beginnt mit der typischen Melodie des Stückes, das erst klassisch, dann variiert widergegeben wird. Die Länge klingt zuerst nach einer kleinen Ewigkeit, verfliegt aber beim Hören rasant, denn er gibt Raum für die Entfaltung. Normaler Anfang, Klimax, ruhiger Abgang. Sehr schön!
Auch der nächste Titel sollte den Final Fantasy-Fans Tränen der Nostalgie in die Augen treiben, denn es ist Final Fantasy VIIIs „Liberi Fatali“. Ein Stück, welches ich für ein Klaviersolo sehr gewagt finde, denn, wer es nicht kennt, es ist sehr kraftvoll, treibend und der Nutzen eines Chors kaum anders wiedergebbar. Da ist es kaum überraschend, dass das Arrangement das bislang dynamischte ist, denn anders ist hier meines Erachtens auch nicht mitzuhalten und weiß auch dadurch zu überzeugen. Wer jedoch gedanklich fest am Original festhält, wird hier keine Freude finden.
Man bleibt dann auch beim 8. Teil der Serie, jedoch weit weniger bekannt ist „Where I Belong“, eine Ballade, die Benyamin Nuss erstmal ruhig angehen lässt, sich aber langsam steigert. Vielleicht ein wenig zu sehr, um die Thematik widerzuspiegeln, aber dies ist nur kurz bevor bis zum Ende wieder sanfter gespielt wird.
Mit „The Serpent Trench“ wartet dann der zweite Titel aus Final Fantasy VI auf den Hörer, dessen Arrangement von Bill Dobbins hier mir deutlich besser gefällt als das eher vor sich plätschernde Original. Es bietet Variation und Energie, die der ursprünglichen Fassung in meinen Augen, pardon, Ohren fehlt.

Nun folgt ein Bruch bevor die letzten beiden Tracks zu Final Fantasy erklingen, denn für die Mitte der CD gibt es etwas besonderes: „Nobuo’s Theme“. Es ist quasi das Charakterthema von Nobuo Uematsu und wurde von Herr Nuss selbst komponiert. Bei der Hörprobe, die es gab, konnte man zuerst meinen, das Stück könnte zu traurig sein – vollkommen unpassend für einen Herrn Uematsu, der gefühlt immer lächelt und wenn mal nicht, dann nur, um in der nächsten Sekunde zu lachen. Doch die anfänglichen Bedenken kann ich ausschlagen. Ja, es gibt ruhige Stellen, aber auch lebhafte und insgesamt kann man dem Pianisten für diese fünfeinhalb Minuten nur applaudieren!

Danach folgt mit „A Place to Call Home“ das „neueste“ Stück der FF-Reihe auf der CD, denn es stammt aus Final Fantasy IX. Es ist sehr ruhig und ein deutlicher Kontrast zu „Fantasy over Themes of Final Fantasy VII“, einer neuneinhalb minütigen Suite zum vielleicht populärsten Teil, welches zumeist lebhaft verläuft. Die Melodien sind stets klar erkennbar und die einzelnen Transitionen gelungen. Ein schöner Abschluss für diesen Block der CD.

Das letzte Drittel ist für Blue Dragon reserviert, welches ganz klassisch mit dem „Main Theme“ beginnt und dessen Arrangement wunderbar verspielt daherkommt und einfach nur Spaß macht zuzuhören. Sehr gelungen! Ob da der nächste Titel „Waterside“ mithalten kann? Er kann! Im Grunde zumindest. Das Original ist eine Klavierballade und daher melodisch nicht ganz so dynamisch, aber dennoch ist erneut rauszuhören, dass man nicht einfach die originale Version nachspielen wollte.
„My Tears and the Sky“ ist mit etwa sechs Minuten der zweitlängste Track und erinnerte mich irgendwie ein wenig an „Aerith’s Theme“ aus Final Fantasy VII. Das bedeutet nichts schlechtes, im Gegenteil, auch dieses Stück wusste mich zu überzeugen, dennoch frage ich mich, ob es anderen ähnlich ergeht.
Den Abschluss bildet sodann „Release the Seal“. Wieder ein Titel mit viel Dynamik dahinter, den Herr Nuss mit Bravour meistert.

Ist die CD nun somit vorbei? Noch nicht ganz! Mit „Years & Years“ revanciert sich Nobuo Uematsu quasi noch bei Benyamin Nuss und hat ihm diese Komposition gewidmet. Ein leichtfüßiges Stück mit einer angenehmen Melodie, das vielleicht nicht das Talent eines Benyamin Nuss herausfordert, aber nichtsdestotrotz nicht nur ihm zu gefallen weiß.

Und damit endet das Debütalbum und eines sei gesagt: Wer mental auf ein Klangfeuerwerk wie beispielsweise Symphonic Fantasies eingestellt ist, wird mit dieser CD (vorerst) nicht glücklich. Das liegt zum einen daran, dass naturgemäß ein gesamtes Orchester nicht durch ein Klavier widergegeben werden kann und zum anderen, dass die Arrangements nicht auf Tempo und Bombast ausgelegt sind. Wer sich jedoch dem bewusst ist, den erwartet ein schönes Erstlingswerk mit bekannten, aber auch eher unbekannten Melodien, was ich sehr begrüße. Freunde von ruhigen Klängen als auch jene eines schnellen Stils werden ihre Höhepunkte finden und ich freue mich, dass Benyamin Nuss der Spielemusik erhalten bleibt, denn vielleicht ist er es, der es hierzulande endgültig schafft die Brücke zwischen ihr und der normalen Klassik zu schlagen.

(Danke an Thomas Böcker für das Rezensionsexemplar!)